Auf den Spuren Heinrich Heines
Unter handgeschöpften Pessimisten

Welcher Deutsche springt schon in den Rhein, um sich zu vergewissern, woher dieser Fluss kommt? Der Journalist Wolfgang Büscher hat es getan. Ein rituelles Reinigungsbad zum Auftakt seiner langen Reise an den Grenzen Deutschlands entlang.

HB BERLIN.Dem Schriftsteller Heinrich Heine, der aus Düsseldorf stammt und dessen 150. Todestag im nächsten Jahr die Gedenkmaschinerie mit bestimmt, hätte der Sprung in den Fluss sicher gut gefallen. Denn der Ton seiner "Reisebilder" mit ihren genauen und ironischen Beschreibungen könnte Wolfgang Büschers Vorbild gewesen sein. Büscher ist für das Buch "Deutschland, eine Reise" 3 500 Kilometer an der Grenze von West nach Nord, von Ost nach Süd marschiert oder per Bus, Zug und Schiff gefahren - mit Abstechern nach Holland, Polen und Tschechien. Eine harte Tour von Oktober bis Dezember war das für den Autor, seiner legendären Wanderung von Berlin nach Moskau ähnlich. Der vor zwei Jahren erschienene Reisebericht avancierte mittlerweile zum Kultbuch.

Reinhard Mohr und Wilfried F. Schöller haben es sich da schon bequemer gemacht. Mohr unternahm für sein Buch "Das Deutschlandgefühl - Eine Heimatkunde" vom Schreibtisch aus einen Trip in die innere Befindlichkeit des Landes. Schöller machte seine Touren, die dem Essayband "Deutschland vor Ort - Geschichten, Mythen, Erinnerungen" zu Grunde liegen, in den vergangenen 15 Jahren.

Die Sehnsucht, auf einer Reise herauszufinden, wer man ist und wohin man gehört, hatten schon die deutschen Romantiker. Und immer wurde die eigene Sicht gerne überhöht zu einer essayistischen Zustandsbeschreibung. Wie Heine in der "Harzreise" ironisch bemerkt: "Das ist das Schöne bei uns Deutschen; keiner ist so verrückt, dass er nicht noch einen Verrückten fände, der ihn versteht." Und darüber berichtet.

In den vergangenen Jahren gab es mehr und mehr deutsche Erfahrungsberichte. Die Reisenden hießen Roger Willemsen oder Manuel Andrack, und sie sind wie Büscher oder Schöller unterwegs gewesen, um herauszufinden, ob das Land, in das sie hineingeboren wurden, überhaupt noch da ist. Ob es dort noch Menschen gibt, die wissen, wohin sie gehören, und ob es Gegenden gibt, wo alles an seinem Platz steht.

Trotz der magischen Geschichten, die Büscher den Menschen abgetrotzt hat, ist "Deutschland, eine Reise" ein trauriges Buch. Etwas ist vor 60 Jahren im Krieg auseinander gebrochen und kann nie wieder zusammengeflickt werden. Im Süden kommt es dem Idealzustand eines kompletten Landes noch am nächsten, im Osten dagegen gibt es viel zu viele Orte, die - wie Chemnitz - nicht einmal ein eigenes Zentrum haben.

Deutschland macht es dem Reisenden Büscher nicht leicht: Er versinkt in den Wäldern nicht nur im Schnee, er verliert auch manchmal den roten Faden. Denn an seinen Rändern franst das deutsche Land aus, ist manchmal nur noch Kulisse. So ballen sich im Erzgebirge auf der deutschen Seite die Weihnachtsläden, auf der tschechischen warten die Prostituierten auf Kunden.

Seite 1:

Unter handgeschöpften Pessimisten

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%