Ausgesetzt von Joyce Carol Oates
Eingesperrt in der Provinz

Als im vergangenen Herbst im Vorfeld der Nobelpreisverleihung aus Stockholmer Kreisen die Vermutung geäußert wurde, eine Frau könne die "Krone" der Literatur erhalten, gehörte die Amerikanerin Joyce Carol Oates zu den hoch gehandelten Kandidatinnen. Am Ende ging sie leer aus. Aber in diesen Tagen spricht man wieder über die 67-jährige Autorin, weil sie einen Roman geschrieben hat, der, wie sie selbst sagt, eigene Erfahrungen aufgreift.

Tatsächlich trägt die Protagonistin in "Ausgesetzt" unübersehbare autobiografische Züge. Die namenlose Ich-Erzählerin hat als Kleinkind die Mutter verloren, wächst mit einem trunksüchtigen, unzuverlässigen Vater und kühl-reservierten Brüdern in einem Provinzdorf im amerikanischen Nordwesten auf.

Der Beginn des Philosophiestudiums in den sechziger Jahren markiert daher eine Zäsur. Es ist eine Flucht aus der provinziellen Enge, die mit handfesten Sehnsüchten nach Anerkennung und sozialem Aufstieg verbunden ist. Doch das Campusleben zerstört schnell alle Illusionen. Das Wohnheim der Studentenverbindung bietet dem Teenager zwar Obdach, aber keineswegs ein Gefühl der Geborgenheit. Der Umgangston ist rüde und erinnert an eine Kaserne.

Joyce Carol Oates? Protagonistin schottet sich ab und tritt eine Art innere Emigration in die philosophische Welt Spinozas an. Die junge Frau versucht, die Welt und die Kunst zu ergründen. Als sich eine Liaison mit dem farbigen Studenten Vernor anbahnt, gerät sie in schwere innere Turbulenzen. Dass diese Beziehung unglücklich endet, ahnt man früh. Nervenzusammenbrüche und Schlafstörungen sind die Folge der unglücklichen Liebe, die auch am alltäglichen Rassismus zu Grunde geht.

Der Ich-Erzählerin, die sich später in der Bürgerrechtsbewegung engagiert, bleibt nichts erspart. Sie erhält die Nachricht, dass ihr Vater im Sterben liegt. Zur Aussöhnung kommt es aber nicht, da der Todkranke weiter auf Distanz beharrt und der Tochter den Blickkontakt verbietet.

Die junge, hoch begabte Frau, die in einer kalten Welt "ausgesetzt" wurde, ist nach einer wahren Odyssee, nach einer schwierigen und nicht besonders erfolgreichen Periode der Selbstfindung zu den familiären Wurzeln zurückgekehrt. Dieser Prozess, den die Hauptfigur nur unvollkommen durchlebte, scheint Joyce Carol Oates angetrieben zu haben. Als "Erinnerungsfiktion" hat sie bezeichnenderweise diesen Roman beschrieben.

Und so steht zu vermuten, dass sich in "Ausgesetzt", diesem erschütternden und unter die Haut gehenden Erzählwerk, weit mehr über die Oates verbirgt, als wir je zuvor erfahren haben.

JOYCE CAROL OATES: Ausgesetzt S. Fischer Verlag, Frankfurt 2005, 334 Seiten, 19,90 Euro

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