Ausstellung in Baden-Baden
Neuer Blick auf das Werk von Marc Chagall

Marc Chagall (1887-1985) meinen alle zu kennen. Doch beruht diese Kenntnis vor allem auf dem seit den 50er-Jahren vehement ausgebreiteten Spätwerk. Da variiert und zitiert der große Maler sein eigenes Oeuvre – dem Gerücht nach angetrieben von seiner geschäftstüchtigen zweiten Frau.

sds BADEN-BADEN. Die Stärke der Ausstellung „Marc Chagall in neuem Licht“ im Museum Frieder Burda, Baden-Baden, ist weniger die Präsentation des Lebenswerks in dem lichtdurchfluteten modernen Museum. Die von dem Chagall-Experten Jean-Louis Prat kuratierte Schau fasziniert Kenner wie Laien durch die Einbindung des hier zu Lande kaum bekannten Frühwerks und starken Leihgaben.

Die ersten Exponate von 1909/10 tasten sich noch an Symbolismus, Expressionismus und Kubismus heran. Doch schon mit dem Gemälde „Für Russland, für Esel und andere“ von 1911 findet Chagall zu seiner avantgardistischen Bildsprache, die die Errungenschaften der Moderne mit der Witebsker Folklore seines russischen Heimatdorfes verschmilzt: Übernatürliches, Fragmentiertes und Geträumtes. Das Aufsehen erregende Zentrum der 100-Bilder-Schau ist die fast 3 x 8 Meter große Mischtechnik „Einführung in jüdische Theater“ aus der Tretjakow Galerie in Moskau. Chagall zerlegt das Bild in Prismen, alles splittert, kurz darauf verlässt er das sowjetische Russland für immer. Noch ein Vorurteil revidiert Prat sanft: Es heißt immer, Chagall sei ein poetischer Maler. Das stimmt zum Teil, aber er war bisweilen auch ein politischer Maler. Das zeigt die Skizze „La révolution“ von 1937 aus dem Centre Pompidou, Paris. Hier verkündet Lenin seine Botschaft vor Dörflern, Gauklern und Musikern mittels Handstand. In Chagalls Augen war die Revolution ein Balanceakt, in dem Lenin die Massen nur mühsam in Schach hält.

Porträts sowie farbintensive, vielteilige Bibelszenen und Stadtlandschaften zeigen, wie Chagall in den letzten Jahrzehnten seines knapp hundertjährigen Lebens gearbeitet hat. Durch Konzentration und die Dokumentation aller Werkphasen ist die Ausstellung in Baden-Baden ein Augenöffner.

Bis 29.10., Kat. 25 Euro (Hatje Cantz) www.museum-frieder-burda.de

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%