Ausstellung „Ursprünge der Seidenstraße“
Straße der tausend Fragen

2000 Jahre alte Pausenbrote, geheimnisvoll geformte Wollmützen, Kraut gegen Atemwegserkrankungen: Wenn sie nur alt genug sind, können Banalitäten des Alltags ebenso interessant sein wie große Kunstwerke. Die sensationelle Ausstellung „Ursprünge der Seidenstraße“ aus der Wüstenregion Xinjiang zeigt sie, lässt aber viele Fragen offen. Und das ist gut so.

BERLIN. „Es ist schon beeindruckend, sich 2000 Jahre alte Pausenbrote anzuschauen“, schrieb ein elfjähriger Junge namens Paul ins Gästebuch der Ausstellung „Ursprünge der Seidenstraße“ im Berliner Martin-Gropius-Bau. Etwas flacher als heute übliche Brötchen sind sie, feine Risse ziehen sich über die Kruste aus grobem Hirseteig. Etwa ein halbes Dutzend dieser Fladen liegt in einem aufgeplatzten Lederbeutel. Heute würde man das Ganze mit „Bio“ beschriften.

Paul hat recht. Der unfassbar gute Zustand der Ausstellungsstücke bringt dem Betrachter die Menschen aus dem fernen Land und der fernen Zeit ungewöhnlich nah. Mehr noch als all die Töpfe, Schmuckstücke und Pfeile sind vor allem die organischen Dinge, die normalerweise schnell verwesen, beeindruckend: geheimnisvoll geformte Wollmützen, flauschige, genähte Fellschuhe, Gewänder in glühenden Farben, Stoffe mit virtuosen Mustern, bei denen teilweise kaum ein Faden verrutscht ist. Sogar Arznei ist erhalten: Ein Kraut, das gegen Atemwegserkrankungen hilft, legt nahe, dass die Bewohner von den ständigen Sandstürmen Staublungen bekamen.

In Xinjiang, einer heute von Uiguren bewohnten, halbautonomen Region im Nordwesten der Volksrepublik China, liegt das Tarimbecken: eine Ebene, gut eineinhalbmal so groß wie Deutschland, umgeben von hohen Bergen. Sie halten Regenwolken fern. In der Mitte des Beckens liegt die Sandwüste Taklamakan, um sie herum, am Fuße der Berge, ließ Gletscherwasser eine Reihe von Oasen entstehen. Sie bildeten Stationen der Seidenstraße, und aus ihnen stammen die Exponate. Die extreme Trockenheit der Gegend hat sie so wunderbar erhalten.

Bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts waren Expeditionen nach Xinjiang noch mühselige Abenteuer. Sven Hedin (1865-1952), der wohl letzte große Entdeckungsreisende, wäre 1895 in der Taklamakan beinahe verdurstet. Die unruhigen politischen Verhältnisse in China in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und die weitgehende Abschließung des Landes unter Maos Herrschaft verhinderten lange die länderübergreifende archäologische Erforschung der Seidenstraße. Seit den 1990er-Jahren wird nun endlich gemeinsam gegraben. Ein Großteil der in Berlin gezeigten 190 Exponate, hauptsächlich Grabbeigaben, sind nun erstmals außerhalb Chinas zu sehen.

Wer in der Ausstellung eine Darstellung der Geschichte der Region erwartet, wird enttäuscht sein. Die Schau wirft kein klares Licht auf frühere Zivilisation, zieht keine scharfen Konturen der Epochen. Der Zeitraum, den sie abbildet, reicht von der Bronzezeit um 2000 v. Chr. bis zum Ende der Jin-Zeit 420 n. Chr. Über die Geschichte der Region während dieser rund zweieinhalb Jahrtausende existiert zu wenig gesichertes Wissen, um ein genaues Bild zeichnen zu können.

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