Ausstellung
Zu Unrecht unterschätzt

Bester Maler Roms nach dem Tod Raffaels, Adept der weichen Manier Giorgiones, Gehilfe Leonardos, träger Lebemann. Das sind die Urteile, die den Maler Sebastiano del Piombo (1485 - 1547) schon kurz nach seinem Tod zu einem Chamäleon der Kunstgeschichte machen. Nun ermöglicht Berlin die Wiederentdeckung des legendären Künstlers.

BERLIN. Schuld daran trägt nicht zuletzt der nicht immer unvoreingenommene Künstlerbiograph Giorgio Vasari, der ihn in seinen "Vite" zwar als einen begnadeten Porträtisten preist, ihn aber zugleich als faul und "zu sehr in die Freuden des Lebens versenkt" kritisiert.

Die erste monographische Ausstellung über diesen Künstler, der Päpste und Könige bezauberte, mit Gemälden auf Stein und als Freskomaler neue Techniken praktizierte und in seiner Spätphase der Zeit weit voraus war, ist jetzt von Rom nach Berlin gewandert. Hier werden in zwei Stockwerken des Kulturforums mit 40 Gemälden und 20 ausgetauschten Zeichnungen die venezianische und die römische Periode ausgebreitet. Die nicht durchgängig chronologisch gehängte Schau, die aus restoratorischen Gründen auf monumentale Hauptwerke wie die Londoner "Auferstehung des Lazarus" und die "Beweinung" aus St. Petersburg verzichten muss, ist mehr als eine Augenweide. Sie restituiert das Charakterbild eines Künstlers, der zu den größten des italienischen 16. Jahrhunderts zählt.

Eines macht die Ausstellung auf Anhieb klar: Sebastiano del Piombo ist kein Eklektiker, als den ihn die puristisch auf die venezianische Kunst einerseits, auf Raffael und Michelangelo andererseits konzentrierte Kunstgeschichtsschreibung gerne bezeichnet. Sebastiano ist das Paradebeispiel eines Künstlers, der das eigene Idiom durch Anverwandlung der unterschiedlichsten Stile fand. Zwei Drittel der Ausstellung zeigen einen Maler, der die stilistische Summe aus den wichtigsten Strömungen seiner Zeit zieht und dabei selbst zum Vorreiter wird.

Die im venezianischen Teil der Schau gezeigte "Madonna mit Heiligen" steht noch ganz im Banne Bellinis. Aber schon hier zeigt sich in der dichten Figurenkomposition ein physiognomischer Ausdruckswille, der aus dem kanonischen Modell der "Sacra conversatione" (Thronmadonna mit Heiligen) ausbricht. Und in dem bis 1955 als Werke Giorgiones geltenden Bilderpaar "Geburt des Adonis" und "Tod des Adonis" (Sammlung Lia, La Spezia) ist die Landschaft geschlossener und die Figurenkomposition dynamischer als bei dem venezianischen Meister.

Das magische Bildnis einer jungen Römerin, das Wilhelm von Bode 1885 für die Berliner Gemäldegalerie erwarb, wird heute neben Leonardos "Mona Lisa" und Raffaels "Farnesina" zu Recht als Porträt-Ikone der italienischen Renaissance bewundert. Schon 1838 hatte der Berliner Museumsdirektor K. F. Waagen das Bildnis in Blenheim Castle gesehen und es in seinem für viele spätere Museumsankäufe verbindlichen Werk "Kunstwerke und Künstler in England" von Raffael auf Sebastiano del Piombo umgeschrieben: "Auffassung, Zusammenstellung der Farben, Colorit, Landschaft des Hintergrundes sind ganz in seinem Geschmack." Wenn wir jetzt die Gruppe der in Berlin versammelten Porträts abschreiten, kann über Qualität und Authentizität dieser zunehmend kühler und statuarischer werdenden Werke kein Zweifel mehr herrschen. Sebastiano, der sich als hervorragender Lautenspieler zunächst zur Musik berufen fühlte, hatte in Bellini in Venedig seinen ersten Lehrmeister gefunden. Seine Freundschaft mit Giorgione und Tizian, die sich in dem Dreifachporträt aus Detroit manifestiert, zu dem jeder der drei Maler eine Figur beitrug. Durch den Bankier Agostino Chigi, der den Maler 1511 zum Umzug nach Rom überredete, kam er in Kontakt mit Raffael, mit dessen gefeierter Kunst er sich als Porträtist und Freskenmaler zu messen suchte.

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