Ausstellungstipp 1
Gustave Courbets traumverlorene Sinnlichkeit

Gustave Courbet ist in die Kunstgeschichte eingegangen als Maler des Realismus, der Bauern und einfache Leute in monumentalen Gemälden zu feiern versteht. Eine gelungene Ausstellung in der Frankfurter Schirn zeigt jetzt seine verborgenen und überraschenden Seiten: die des Grüblers und Träumers. Eine Schau der Extraklasse, die einen Ausflug zwischen den Jahren lohnt.
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FRANKFURT/MAIN. Was für ein Aufschlag. Die ersten Bilder, die der Besucher in der Frankfurter Courbet-Ausstellung zu sehen kriegt, sind Wahnsinn. Buchstäblich. Der Franzose Gustave Courbet (1819-1877) malt sich im "Selbstbildnis am Abgrund" verrückt vor Angst, mitten in einer Berglandschaft. Er sieht etwas, das der Betrachter nicht sieht, reißt die Augen auf, geht in die Knie, verliert den Halt und taumelt fast vornüber in den Abgrund. Und gleichzeitig scheint der Seher, also der Künstler, davor zurückzuschrecken. Die Leihgabe aus dem Nationalmuseum in Oslo ist ein hochemotionales Bild, das den Ausstellungsbesucher unmittelbar packt. Für Klaus Herding, Courbet-Forscher seit 40 Jahren, ist es auch ein Bild für die Position des Künstlers "zwischen Himmel und Erde". Schließlich ist der Künstler nicht ganz in der bürgerlichen Welt beheimatet und auch nicht ganz in der der Phantasie.

Der unbekannte Courbet

Courbet hatte im Zuge der gescheiterten Commune im Gefängnis gesessen. Als Bohemien mit offenem Kragen und freizügig ausgelebter Sexualität war ihm nur der Rand der Gesellschaft vorbehalten. Seine Lebenskrisen wie seine Experimente mit Drogen und Alkohol spiegeln sich im Werk. Der Maler reflektiert die eigene Existenz in seinen Bildern. Den Umschlag von Selbstsicherheit in Zweifel fasst er z.B. mit einem meisterlichen Spiel von Licht und Schatten im "Selbstbildnis als Verzweifelter". Hier rauft der Maler sich mit starrem Blick das Haar, die Angst treibt Röte in die Wangen - und doch meint der Betrachter die Pose, die Lust am Spiel mit starken Gefühlen zu spüren. Das ist herrlich ambivalent und verführt zu ausgiebigem Bildstudium.

Hier setzt diese Ausstellung der Extraklasse an, die Herding initiiert und kuratiert hat: am unbekannten Courbet, der neben den bekannten sozial kritischen Darstellungen von Bauern und Arbeitern, auch Bilder von tiefer Innensicht und tagträumerischer Wahrheit gemalt hat. So stellt er sich 1844/1854 in einem anderen Selbstporträt mit blutender Wunde dar. Auch ohne den Katalog gelesen zu haben, wird klar, es ist ein Sinnbild für seelische Verletzung. Die Herzensbrecherin war - so stellt sich heraus - ursprünglich mit auf dem Bild, Courbet hat sie später übermalt und sich als Opfer dargestellt.

Der Künstler an der Spitze der Gesellschaft

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