Ausstellungstipp (5)
„Genitalpanik“ im Stadtkino

Gewagte Aktionen haben Valie Export bekannt gemacht. Daneben arbeitete die Österreicherin mit Fotografie, Film und Video. Museen in Wien und Linz zeichnen das Bild einer Künstlerin, die lebenslang kritisch mit brisanten gesellschaftlichen und politischen Themen umgegangen ist.
  • 0

WIEN. Panik brach im Stadtkino von München nicht aus. Dafür aber lähmendes Entsetzen. Männer hielten den Atem an; manche erhoben sich von ihren Sitzen, andere verließen fluchtartig den Zuschauerraum. Da kam etwas auf sie zu, dem sie sich nicht gewachsen fühlten. "Was Sie möglicherweise auf der Leinwand sehen, sehen Sie jetzt in Wirklichkeit", sagte die junge Frau, als sie sich durch die Reihen schob - mit einem Riesenloch im Schritt ihrer Jeanshose. Und dann forderte sie die Zuschauer auch noch zum Anfassen auf.

Skandale im konservativen Wien

Die Österreicherin, die vor 41 Jahren mit der Aktion "Genitalpanik" für Verblüffung sorgte, ist heute 70 und eine gefeierte Pionierin der Medienkunst. Sie trägt kurzes, leicht verstruweltes Haar und nennt sich "VALIE EXPORT" - ein Künstlername in Versalien wie ein Markenzeichen. Gewagte Aktionen, vor allem im repressiven und männlich dominierten Kunstmilieu Wiens, haben sie Ende der sechziger Jahre bekannt gemacht. Vielleicht aber doch ein wenig zu einseitig. Zu diesem Schluss kam man in ihrem Heimatland, in das sie nach jahrzehntelanger Lehrtätigkeit u.a. an der Medienkunsthochschule in Köln vor Jahren wieder zurückkehrte.

So kommt es, dass Österreich sich Exports facettenreiches, aus dem Expanded Cinema und dem Wiener Aktionismus heraus geborenes Lebenswerk erst jetzt erschließt. Möglich machen es zwei Parallel-Ausstellungen im Wiener Belvedere und im Lentos Kunstmuseum Linz. Beide sind nicht als Retrospektive angelegt. Sie zeichnen trotzdem ein rundes Bild von Anliegen und Arbeitsweisen der Künstlerin, weil es gelingt, aus der Gegenüberstellung der älteren mit den jüngeren Arbeiten zusammenhängende Fragestellungen herauszuarbeiten.

Gezwungene Körper

Seit vier Jahrzehnten gehört der zugerichtete Körper, dem gesellschaftliche Konventionen, Zwänge und Aggressionen Gewalt antun, zu Exports wichtigstem Thema. Es ist bis heute virulent, wenn auch nicht mehr in seiner feministischen Zuspitzung, für die die Künstlerin wiederholt auch kritisiert wurde. Aber vordergründig ist es bei Lichte besehen nie gewesen.

Die Abrichtung des Menschen

Nehmen wir als Beispiel die im Belvedere ausgestellten Schwarzweiß-Fotos der Körperaktion "Hyperbulie" von 1973. Auf sie stößt der Besucher zu Beginn seines Rundgangs, der ihn durch eine beeindruckende barocke Raumflucht führt. Hier lässt ihn nichts kalt. Nicht der frühe Selbstversuch Exports in einem Korridor aus elektrisch geladenen Drähten, deren unwillkürliche Berührung die Künstlerin am Ende zu Boden zwingt. Auch nicht der fast vier Meter hohe Turm aus gestapelten Kalaschnikow-Sturmgewehren, der sich mit zynischem Pathos über einem dunklen Spiegel aus Altöl erhebt ("Kalashnikov", 2007). Am allerwenigsten vielleicht die dazugehörigen Videomonitore, auf denen Menschen abgeführt und hingerichtet werden oder mit kamerabestückten Raketen einfach in die Luft gejagt werden.

Seite 1:

„Genitalpanik“ im Stadtkino

Seite 2:

Kommentare zu " Ausstellungstipp (5): „Genitalpanik“ im Stadtkino"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%