Auszeichnung verliehen
Claudio Magris nimmt Friedenspreis entgegen

In Frankfurt ist der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an den italienischen Schriftsteller Claudio Magris verliehen worden. In seiner Dankesrede ging der Preisträger mit seinem Heimatland hart ins Gericht.
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HB FRANKFURT/MAIN. Der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Claudio Magris, hat vor einem neuen Populismus und neuen Barrieren in Europa gewarnt. Diese in ganz Europa zu beobachtende Entwicklung schaffe "Demokratien ohne Demokratie", kritisierte der italienische Schriftsteller am Sonntag bei der Entgegennahme der Auszeichnung in der Frankfurter Paulskirche.

"Jede Bedrohung der Demokratie ist eine Gefahr für den Frieden, ganz gleich in welcher Form sie auftritt", sagte Magris, der sich in seiner Dankesrede sehr kritisch mit seinem eigenen Land auseinandersetzte. Der zum Abschluss der Buchmesse verliehene Friedenspreis - mit 25 000 Euro dotiert - gehört seit 1950 zu den wichtigsten deutschen Kulturauszeichnungen.

Der in Triest lebende Germanistik-Professor beklagte "bisweilen unsichtbare Grenzen" zwischen Einheimischen und Einwanderern in den europäischen Großstädten. Die Reaktionen in Italien auf die aus Afrika kommenden Bootsflüchtlinge seien "hysterisch und symptomatisch in ihrer Brutalität".

Magris geißelte ein neues Gesetz, das Bürgern erlaube, selbst die Ordnung und Sicherheit im Einwandererland Italien zu kontrollieren. "Als italienischer Patriot hoffe ich, dass mein - im übrigen bezauberndes - Land nicht noch einmal Vorkämpfer in negativem Sinn sein wird: Den Faschismus in Europa haben schließlich wir erfunden, auch wenn uns danach andere in ihrem Eifer weit übertroffen haben."

Der Essayist und Romancier kritisierte die "Beschneidung der Justiz" in seinem Land, ohne Ministerpräsident Silvio Berlusconi direkt zu nennen. Damit rücke der "düstere Traum von einem Leben ohne Gesetz oder mit so wenig Gesetz wie möglich" näher. Berlusconi hatte nach der vom Verfassungsgericht Anfang Oktober beschlossenen Aufhebung seiner Immunität die Richter scharf angegriffen.

Magris, der seit Jahren auch als Anwärter auf den Literaturnobelpreis gilt, beklagte die "gegenwärtige Schwäche und Zerrissenheit Europas". Nur ein "wirklich geeintes Europa" als dezentralisierter echter Staatenbund sei fähig, sich den Problemen zu stellen. "Auf Europa wartet die große und schwierige Aufgabe, sich den neuen Kulturen der neuen Europäer aus der ganzen Welt zu öffnen, die es durch ihre Mannigfaltigkeit bereichern." Voraussetzung sei jedoch, dass in Europa Werte wie die rechtliche Gleichstellung aller Bürger - unabhängig von Geschlecht, Religion oder Volkszugehörigkeit - nicht mehr infrage gestellt würden.

Magris, der mit Werken wie "Donau. Biografie eines Flusses" (1988) oder dem Roman "Blindlings" (2007) bekannt wurde, wurde mit dem Preis für seine Bemühungen um das Zusammenleben und Zusammenwirken verschiedener Kulturen in Europa gewürdigt.

In seiner Laudatio sagte der Historiker Karl Schlögel, dass Magris Europa Zuversicht und Schönheit gegeben habe. Das gesamte Werk des 70-Jährigen sei "Aufklärungsarbeit, die mit Leidenschaft gepaart ist". Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Gottfried Honnefelder, bezeichnete Magris als "engagierten Visionär der kulturellen Identität eines zukünftigen Europa".

Der Friedenspreis wurde vom Dachverband der deutschen Buchbranche zum 60. Mal vergeben. Zu den Preisträgern gehören Albert Schweitzer (1951), Hermann Hesse (1955), Astrid Lindgren (1978), Siegfried Lenz (1988), Jürgen Habermas (2001) oder Orhan Pamuk (2005). Im vergangenen Jahre hatte mit Anselm Kiefer erstmals ein Bildender Künstler den Preis erhalten.

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