Autoren befassen sich mit dem Leben des Nobelpreisträgers Elias Canetti, der vor hundert Jahren geboren wurde
Ein literarischer Kosmopolit

Deutsch bin ich in meiner Aufgeblasenheit, jüdisch in meiner Rechthaberei, spanisch in meinem Stolz, türkisch in meiner Faulheit, wo könnte ich noch ein paar gute Eigenschaften holen?" So äußerte sich einmal Elias Canetti über Elias Canetti. Doch wer nun glaubt, das Wesen des Literaturnobelpreisträgers damit auch nur ansatzweise erfasst zu haben, der irrt gewaltig.

HB DÜSSELDORF. Die Persönlichkeit des 1905 im bulgarischen Rustschuk geborenen und 1994 in Zürich verstorbenen Schriftstellers war ungleich komplexer und vielschichtiger. Schließlich hat sich Canetti mit Büchern wie "Masse und Macht" auch als Anthropologe und Sozialhistoriker einen Namen gemacht. Dies beweist die Lektüre der allerersten Biografie, die nun pünktlich zu seinem einhundertsten Geburtstag am 25. Juli erscheint.

Der Versuch, die Lebensgeschichte von Elias Canetti nachzuzeichnen, ist kein einfaches Unterfangen. Denn wenn es um das Bild ging, das die Nachwelt von ihm haben sollte, war er eine Art Kontrollfreak. Das betont der Autor der Biografie, der Literaturwissenschaftler Sven Hanuschek, bereits im Vorwort. So hatte Canetti testamentarisch verfügt, dass in den ersten zehn Jahren nach seinem Tod keine Biografie erscheinen darf. Auch sind Teile seines Nachlasses, den er der Zentralbibliothek Zürich vermacht hatte, weiterhin bis zum Jahre 2024 für die Forschung gesperrt.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich Canetti seinen literarischen Ruhm ausgerechnet mit einer dreiteiligen Autobiografie erworben hat. All das weiß auch Hanuschek. "Er hat einige Anstrengungen unternommen, gar nicht zum Thema einer Biografie gewählt zu werden." Canetti, der Biografien als Lesestoff durchaus zu schätzen wusste, hatte wohl Angst, plötzlich als geheimnislos und perfekt durchschaubar dazustehen. Deshalb macht Hanuschek seinem Leser von vornherein klar, dass sein Buch kein "abgerundetes Bild dieses Autors" präsentieren kann, sondern allenfalls "Facetten". Im Mittelpunkt steht der Kosmopolit Elias Canetti, der in Bulgarien, England, Österreich, der Schweiz und in Deutschland aufwuchs und als Kind bereits Ladino, Englisch und Französisch sprach.

Prägend nennt Hanuschek die mit dominant noch schmeichelhaft zu nennende Mutter. Unter ihrer "Diktatur" lernte der junge Elias innerhalb von nur drei Monaten Deutsch - jene Sprache, in der er später seine Bücher schrieb und der er Zeit seines Lebens treu blieb.

Aber auch sein Verhältnis zum Judentum wird beleuchtet, wobei immer wieder zum Ausdruck kommt, dass sich Elias Canetti aus zwei Perspektiven heraus definierte: als sephardischer Jude und als deutscher Schriftsteller. Insbesondere die Flucht vor den Nazis nach England sah Canetti als eine Anknüpfung an die jüdische Geschichte, die sich für ihn als eine jahrhundertealte Wanderschaft im Exil darstellte. Wie Hanuschek aufzeigt, sind Canettis Aufzeichnungen dazu nicht ganz unproblematisch: "Ich habe meine Freunde verachtet, wenn sie sich aus den Lockungen der vielen Völker losrissen und blind wieder zu Juden, einfach Juden wurden."

Doch gelegentlich tun sich in der Biografie einige Schwachstellen auf. Will man als Leser wirklich wissen, dass Canettis Schülerin Friedl Benedikt der gleichfalls mit ihm bekannten Dichterin Stevie Smith eine neue weiße Seidenbluse geschenkt hat? Oder ob im englischen Grimdells Corner "ein Baum am Straßenrand noch Canettis ansichtig gewesen sein" könnte? Manchmal ist es einfach zu viel des Guten, und die Biografie wirkt merkwürdig aufgeblasen.

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