Autoren beschreiben, wie die Nationalsozialisten jüdische Privatbankiers enteigneten
Neid als Triebfeder des Hasses

Bamberger, Bleichröder, Dreyfus, Bloch, Strasburger, Hirschmann, Mendelssohn, Marx, Levy, Katzenstein - wer kennt die Namen noch? Anfang der dreißiger Jahre gab es in Deutschland etwa 1000 Privatbanken. Nur wenige Namen wie etwa Warburg oder Oppenheim haben bis heute überdauert. Etwa die Hälfte der Privatbanken lag in jüdischem Besitz. Schaut man auf Bilanzsumme und Marktposition, war der jüdische Einfluss sogar noch höher.

HB DÜSSELDORF.1938 gab es dann keine jüdische Bank mehr. Rund 500 Institute waren liquidiert, zwangsweise an andere Banken verkauft, von "arischen" Teilhabern, manchmal ehemaligen Angestellten, übernommen worden. Diesen Prozess beschreibt Ingo Köhler in seinem Buch "Die ,Arisierung' der Privatbanken im Dritten Reich". Der Studie ist anzumerken, dass sie ursprünglich eine Dissertation war; dick und mit vielen Details kommt sie daher, bleibt aber durchaus lesbar.

Köhler zeigt, dass die "Arisierung" nicht nach einem einheitlichen, von oben diktierten Plan abgelaufen ist. Häufig spielten lokale Nazigrößen die treibende Rolle. Der Prozess verlief in vielen Schritten. Oft begann er damit, dass prominente Juden in der Öffentlichkeit, zum Beispiel an der Börse, geschnitten wurden: Es war nicht mehr opportun, in ihrer Gesellschaft gesehen zu werden. "Viele Bekannte machten einen weiten Bogen, um nicht grüßen zu müssen", erinnerte sich Max Warburg später. Die Juden wurden aus Aufsichtsräten, zum Teil auch aus wichtigen Wertpapierkonsortien, gedrängt. Rein geschäftlich erlebten einige der Banken sogar einen vorübergehenden Aufschwung. Sie verloren zwar "arische" Kunden, dafür wandten sich verstärkt Juden an sie, die sich bei anderen Banken nicht mehr sicher fühlten oder Devisengeschäfte nachfragten, um den Gang ins Exil vorzubereiten.

Im Laufe der Jahre wuchs der Druck. Jüdische Bankiers wurden mit unmotivierten, häufig sehr kostspieligen Prüfungen seitens der Behörden überzogen. Die Presse warf ihnen schmutzige Geschäfte oder gleich "Rassenschande" vor. Einige wurden tätlich angegriffen oder von der Gestapo verhaftet. Meist wurde irgendwann der Druck so stark, dass die Bankiers selbst den Verkauf, häufig auch die Liquidation ihrer Bank einleiteten.

Bei den Verkaufsverhandlungen mussten sie deutlich zurückstecken: Es war verboten, den Goodwill - den guten Namen - in die Bewertung einzubeziehen. Dazu kam, dass der Hinweis auf die häufig jüdisch geprägte Kundenbasis und die damit verbundenen politischen Risiken als Argument dienten, die Preise zu drücken. So umklammerte das Nazisystem die Juden von allen Seiten: Sie mussten sich sogar die Risiken, die aus ihrer eigenen Verfolgung entstanden, vorhalten lassen.

War der Erlös für den Verkauf der Bank einmal geflossen, so griff das Deutsche Reich mit zahlreichen Sonderabgaben zu. Am Ende blieb den Bankiers meist nicht viel von ihrem Vermögen. Vielen von ihnen gelang immerhin noch die Flucht ins Exil.

Seite 1:

Neid als Triebfeder des Hasses

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%