Avantgarde 1914: Die Apokalypse im Bild

Avantgarde 1914
Die Apokalypse im Bild

Maler und Bildhauer erfinden sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts neu. Die Klassische Moderne steht in höchster Blüte bis der Erste Weltkrieg die Entwicklungen unterbricht. Auch wenn nicht jeder Künstler im Kampfeinsatz war – Der Krieg lässt kein Werk unberührt. Das zeigt eine großartige Ausstellung in Bonn. Auf dem Kunstmarkt ist vieles nicht mehr verfügbar.
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BonnEine „Erkundungstour auf vertrautem Gelände“ hat die Bundeskunsthalle in Bonn ihre Ausstellung über die Avantgarden im Ersten Weltkrieg genannt. Mit Recht. Selten entlässt eine Ausstellung mit klingenden Namen der Klassischen Moderne ihre Besucher mit dem Gefühl, so viel Neues über vermeintlich Bekanntes gelernt zu haben. Als hätte der Erste Weltkrieg blinde Flecken auf einer Landkarte hinterlassen, die plötzlich wahrnehmbar werden.

Nicht die künstlerischen „Frontlinien“ der radikalen Künstlerbewegungen galt es diesmal zu sondieren, sondern die Bruchlinien in den künstlerischen Oeuvres angesichts politischer Ereignisse, die das künstlerische Leben und die Wertmaßstäbe von Grund auf umpflügten. „Wie wirkte sich erst der Kriegsgedanke und dann der Krieg selbst auf das Werk der Avantgardekünstler aus?“, fragte sich Kurator Uwe Schneede am Beginn seiner Forschungsarbeit, und begab sich tief in die Depots von Museen und Sammlungen. Keinesfalls hätte es ausgereicht, bekannte Hauptwerke aneinander zu reihen.

SPD-Fraktion stimmt für Kriegsanleihen

Bei seinen neuzeitlichen „Grabungen“ förderte Schneede viel selten exponiertes Bildmaterial, teilweise auch nie gesehene Werke zu Tage. Zum Beispiel von Ludwig Meidner (1884-1966). Wie Alfred Kubin ließ er bereits zu Beginn der Zehnerjahre des 20. Jahrhunderts seine Vorahnung einer Zeitenwende Bild werden. Die Meisten denken bei Meidner an die verstörenden, zu Millionenpreisen versteigerten „Apokalyptischen Landschaften“ wie diejenige aus der US-Sammlung Fishman, die bei Sotheby’s im Februar 2006 für 1,8 Millionen Pfund versteigert wurde. Solche Ölgemälde waren nach dem Zweiten Weltkrieg noch zu Lebzeiten des Künstlers für mittlere vierstellige DM-Beträge zu haben.

Bonn trügt die Erwartungen und bietet lediglich ein einziges Ölbild auf, „Die Abgebrannten (Heimatlose)“ von 1912. Einst befand es sich im Besitz des Recklinghausener Sammlers Walter Kirste, heute im Museum Folkwang in Essen. Der Clou sind die darum herumgruppierten szenischen Feder- und Tuschezeichnungen, die ihm an Kraft und Ausdruck in nichts nachstehen. Darunter zwei Blätter aus der Sammlung des Meidner-Experten Winfried Flammann. Eines von ihnen, „Extrablätter in der Nacht“, ist auf den Tag datiert, an dem die SPD-Fraktion im Reichstag für die Zeichnung von Kriegsanleihen gestimmt hatte: den 2. Dezember 1914.

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Zeichner mit kräftiger Handschrift

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