Bamberger Kunst- und Antiquitätenwochen Kunst für Managers Mußephase

Attraktive Alte Kunst und lange Öffnungszeiten locken in Bambergs malerische Altstadt. Das wissen nicht nur Wagnerfans zu schätzen, die aus dem nahegelegenen Bayreuth anreisen. Von Sabine Spindler
  • Sabine Spindler
Höfischer Konsoltisch, um 1680.

Höfischer Konsoltisch, um 1680.

BambergWenn Banker, Industrielle, Vorstände und chinesische Geschäftsleute jetzt durch Bamberg schlendern, "sind sie in der Mußephase", sagt Walter Senger, Mitbegründer der Bamberger Kunst- und Antiquitätenwochen. "Im Sommerurlaub oder während der Bayreuther Festspiele sind Manager anders empfänglich für schöne Dinge." Diese Tatsache machen sich 15 Antiquitätenhändler seit 16 Jahren in einer der malerischsten Altstädte Deutschlands zunutze.

Sie halten bis zum 21. August ihre prachtvoll dekorierten Ladengschäfte sieben Tage die Woche offen. Was sie bei dieser "Hausmesse" verkaufen, mag Senger, wie alle diskreten Händler, nicht beziffern. "Aber es hat das Volumen einer großen nationalen Messe." Weil Hotel- und Transportkosten entfallen, ist der Gewinn höher. Diese Leistungsschau spielt bei Senger 20 Prozent des Jahresumsatzes ein.

Die Antiquitätenwochen haben Bamberg zum Zentrum des Handels mit Kostbarkeiten aus Barock und Rokoko gemacht. Es reiht sich ein in das entspannte, fränkische Sommervergnügen aus Opernabenden, Schlossbesichtigungen und kulinarischen Genüssen.

Matthias Wenzel ist Antiquitätenhändler in zweiter Generation in der Karolinenstraße. Der 47-Jährige unterstreicht sein Profil mit einer ca. 1485 gefertigten Figur des Heiligen Sebastian aus der Werkstatt des Münchener Bildschnitzers Erasmus Grasser (50.000 Euro) und mit einer romantischen Flusslandschaft des Frankfurter Malers Franz Hochecker aus dem späten 18. Jahrhundert (15.000 Euro).

Für den quirligen Kunsthändler Christian Eduard Franke "zählt nur die Ware", weniger ihr Marketing und Timing. Franke, der vor allem das 18. Jahrhundert liebt, überrascht diesmal mit zwei älteren, wohl noch vor 1700 entstandenen Einrichtungsstücken. Sowohl das Paar versilberter Standleuchter mit dem kraftvoll geschnitzten Blattdekor (78.000 Euro) als auch die vergoldete Konsole mit Kindern als tragenden Halbfiguren (64.000 Euro) zeugen von jener Vitalität hochbarocker Möbel, wie sie heute nur noch selten auf dem Markt zu finden sind.

Beide Teile stammen aus einem Schloss aus Westfalen. Doch ob es sich um französische Arbeiten oder um deutsche handelt, das ist bis heute die große Frage. Eindeutiger liegt der Fall bei der Rokokopendule des Bamberger Hofuhrmachers Leopold Hoys. "Seine Uhren waren damals ein Verkaufsknüller", so Franke. Jeder fränkische Schlossherr musste eine besitzen. Hoys rangierte ganz oben: Anlässlich der Krönung Franz Stephans von Lothringen zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches 1745 ließ der Fürstbischof Karl Friedrich von Schönborn bei keinem anderen als bei Hoys eine Prunkuhr fertigen, die erst kürzlich bei Sotheby's für mehr als 400.000 Pfund versteigert wurde.

Sammler und Kunstliebhaber kommen von weit her

Nur drei Zentimeter misst der Memento-mori-Kopf .

Nur drei Zentimeter misst der Memento-mori-Kopf.

"Unser Modell ist der sogenannte Hoys-Klassiker - schwarzes Gehäuse, architektonische Form und ein wunderbares, reich verziertes Blatt - und liegt preislich etwas über 30 000 Euro."
Dass dem fränkischen Rokoko nichts Provinzielles anhaftet, dass es geradezu ein Gütesiegel ist - das führt ein paar Schritte weiter der Kunsthandel Härtl mit einem Paar Bayreuther Konsolen aus der Zeit um 1750 vor (55.000 Euro). Man könnte meinen, dass man in Franken, das immerhin die höchste Dichte an Schlössern und Burgen in Europa hat, wie in einem Karpfenteich leicht fischen könnte. "Nein, der Nachschub an Ware kommt in den seltensten Fällen aus Franken", entgegnet Ulf Härtl.

"Ich suche mein Glück auf der ganzen Welt." Das Konsolenpaar fand er in Südamerika. Wo Härtl den kleinen, 1767 entstandenen Bacchus des Fragonard-Schülers Gérard Gautier (26.000 Euro) und das reich marketierte Palisander-Schreibtischchen (48.000 Euro) des Pariser Meister-Tischlers Brize Peridiez akquirierte, bleibt ein Geheimnis. Doch hier spricht die Provenienz für sich. Der Putto mit den Weintrauben im Schürzchen gehörte einst dem US-Multimillionär J. P. Morgan, das Tischchen der Baronne Eugène de Rothschild.

Sammler und Kunstliebhaber kommen von weit her zu den Bamberger Antiquitätenwochen. "Selbst in Singapur", so Christian Eduard Franke, "nimmt man uns wahr." Während einer der letzten Antiquitätenwochen hatte ein Schweizer Unternehmer dort in einer deutschen Zeitung über eine Modellkommode des Mannheimer Hofebenisten Johann Jakob Kieser gelesen. Zwei Tage später reiste ein Verwandter aus Basel an, um diese Rarität zu kaufen. "Und eins ist nicht zu übersehen", ergänzt Kollege Daniel Becht, "was hier an hochwertigen Möbeln des 18. Jahrhunderts angeboten wird, das hat man nicht einmal auf der Tefaf in Maastricht zusammengetragen."

Daniel Becht ist ein Möbel-Liebhaber und hat mit seinem Aufsatzschrank in der sogenannten "Lacca Povera"-Technik vielleicht das spektakulärste, aber auch rätselhafteste Möbel anzubieten (180.000 Euro). Übersät mit Kupferstichen, auf denen Garten- und Landschaftsszenen dargestellt sind, ist dieses Stück wie ein geschichtenerzählender Bilderbogen. Als reichte der Platz auf der Wand nicht für Dekorationsstücke, wird Graphik noch auf das gerundete Möbel aufgebracht.

Parade mitteleuropäischer Topmöbel

Dass diese außergewöhnliche Arbeit aus der Zeit um 1750, das einst dem Lackfabrikanten und größten Sammler von Lackmöbeln, Kurt Herberts, gehörte, aus Oberfranken stammt, daran zweifelt Becht nicht im Geringsten. Die Mode, Möbel mit Kupferstichen zu dekorieren, pflegte ja selbst die Bayreuther Markgräfin Wilhelmine. Sein Gespür für Hochwertiges stellt Becht auch mit einem Aufsatzsekretär aus der Werkstatt des um 1780/90 führenden Leipziger Möbelherstellers Friedrich Gottlob Hoffmann (über 120.000 Euro) unter Beweis.

Die Parade mitteleuropäischer Topmöbel setzt Kunsthandel Schmidt-Felderhoff fort mit einem schwarzen Prager Sammlerschrank aus dem frühen 17. Jahrhundert (100.000 Euro). Die Schubladen dieses Kabinetts sind mit bildhaftem Ruinenmarmor belegt. Ein Möbel wie aus einer Kunstkammer, zu dem Schmidt-Felderhoff passend einen winzigen "Memento mori"-Kopf aus dem 16. Jahrhundert offeriert (9500 Euro), der an die Vergänglichkeit alles Irdischen erinnern soll.

Auch Walter Senger führt mit einer Reihe hochwertiger Sekretäre die hohe Kunst des Möbelbaus vor. Aber steigt man hinab in Sengers gotischen Skulpturenkeller, spürt der Besucher, dass seine wahre Leidenschaft der mittelalterlichen Plastik gehört. "Rheinische Madonnen aus der Zeit um 1500, Südtiroler Meisterwerke wie der Heilige Johannes von 1510 mit dem wunderbaren Inkarnat und schwäbische Barockmeister haben schon manchen Industriellen und hochdotierten Banker hier unten in den Bann geschlagen", erzählt Senger. Denn hochwertige Kunst überdauert Krisen.

Seit Jeff Koons vor einigen Jahren für mehr als 6 Millionen Dollar eine Riemenschneider-Madonna ersteigerte, zeigen längst nicht nur Museumskuratoren Interesse an spätgotischer Skulptur.
Marktfrisch offeriert Senger eine "Anna Selbdritt" aus der Werkstatt Riemenschneiders für 165.000 Euro. Neu im Angebot ist auch eine Gartenfigur des fränkischen Rokokomeisters Ferdinand Dietz, dessen Hauptwerk im Schlosspark von Veitshöchheim zu bewundern ist. Sengers "Flora" aus der Zeit um 1750 soll 195.000 Euro kosten.

Was in Salzburg funktioniert, bestätigt sich auch in Bamberg. Große Kulturereignisse und der gehobene Kunsthandel sind wie Mond und Sonne. Die Frage ist nur, wer dreht sich hier um wen?

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