Barockmalerei
Rächerin mit dem Pinsel

Die italienische Barockmalerin Artemisia Gentileschi gilt als frühzeitige Verfechterin feministischer Ideale. Sie kämpfte für die Rechte der Frau, nicht nur im Bereich der Kunst. Im Mailänder Königspalast hat sie nun ihren lang verdienten Soloauftritt.
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MailandBeschaulich geht es im Königspalast von Mailand derzeit nicht eben zu. Eher schauerlich-schön. Denn die Heldin der Schau, die man gut und gerne als Schauspiel bezeichnen darf, heißt Artemisia Gentileschi (1593–1653). Regie führt die sizilianische Regisseurin und Dramatikerin Emma Dante. Der Prolog ist ein Bett. Es ist aufgewühlt, mit Blut besudelt. Darüber schweben Hunderte von Blättern. Es sind Briefe und Protokolle gerichtlicher Verhöre. Sie schildern den Hergang einer Nötigung. Es ist keine Theater-Fiktion, Artemisia Gentileschi wurde 1611 in Rom von Agostino Tassi, einem Landschaftsmaler, vergewaltigt.

Folter mit Daumenschrauben

Die Aufzeichnungen stammen aus dem Prozess, den Artemisias Vater, der Maler Orazio Gentileschi, ein Jahr später gegen Tassi anstrengte und gewann. Das Urteil wurde am 29. November 1612 verkündet. Es fiel mit der mehrjährigen Verbannung Tassis aus Rom eher schwach aus. Für Artemisia war der Prozess eine einzige Demütigung. Doch selbst unter Folter, den sogenannten Sybillen - daumenschraubenartigen Vorrichtungen, die der Findung der Wahrheit dienen sollten - hielt sie an ihrer Version fest und beschrieb die Vergewaltigung bis ins letzte Detail.

Die Beschreibung ihrer Vergewaltigung bleibt dem italienisch sprechenden Besucher dank Emma Dantes Rezitativ über Lautsprecher nicht vorenthalten. Artemisia erhielt vor Gericht Recht; außerdem das Zugeständnis, sie gehe nicht dem ältesten Metier der Welt nach, sondern sei Malerin. Trotzdem war es um ihren Ruf geschehen. Da half auch die Verlegenheitsheirat mit dem Maler Pierantonio Stiattesi wenig. Denn man blieb bei der Meinung, sie habe es sich selbst zuzuschreiben, wenn Männer wie Tassi sich an ihr vergriffen, so sündhaft schön wie sie sei. Vor allem in den Männer- und Künstlerkreisen dachte man so.

Der brennende Wunsch, Männern wie Künstlern das Gegenteil zu beweisen, beseelte Artemisia und ließ sie zur Vorkämpferin der Emanzipation der Frau – und der Künstlerin werden. Als solche wurde sie später auch gefeiert, von Anna Banti in ihrer romanhaften Biografie „Zum Fürchten schön und tüchtig – Artemisia“ von 1947 oder von der Regisseurin Agnès Merlet in ihrem Film „Artemisia - Schule der Sinnlichkeit“ (1997).

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