Bastian Sick
Wie der Genitiv stirbt – und keiner es merkt

Während die Leipziger Buchmesse noch aufgebaut wird, findet auf der Lit.Cologne "Die größte Deutschstunde der Welt" statt. Die Veranstaltung mit Bastian Sick ist der Höhepunkt des ganzen Festivals - und ein hoffnungsvolles Signal in Pisa-Zeiten.

HB KÖLN. Nicht zu fassen, die wollen wirklich alle zum Deutschunterricht - freiwillig! Rund 15 000 Menschen strömen an diesem ungemütlich kalten Montagabend in die Kölnarena. Nicht wie üblich zum Eishockey-Spiel der "Kölner Haie", sondern zur "Größten Deutschstunde der Welt", einer Veranstaltung des Literatur-Festivals Lit.Cologne mit Bastian Sick, Autor des Erfolgsbuches "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod".

Kölner Kulturbürger, Ehepaare mit Kindern und vor allem ganze Schulklassen, deren Eintrittskarten von Unternehmen der Region gespendet wurden. Eine Atmosphäre wie im Multiplex-Kino, wenn die Teenie-Komödien laufen: nervendes Gezeter überall.

Glücklicherweise verzichteten die Veranstalter auf den Verkauf von Popcorn. Und wer den Unterhaltungen der Schüler lauscht, ist bald vom Sinn der Bemühungen des Bastian Sick überzeugt. Eine Kostprobe aus dem Bericht eines etwa 16-Jährigen über seine Erlebnisse am Vorabend: "Er, so total scheiße, ne. Ich so: ,Leck mich doch?." Bitte, Jungs, hört gut zu, was euch hier erzählt wird!

Und dann geht wie bei einem Pop-Konzert das Licht aus, nur die Bühne mit Schulbänken wird bunt beleuchtet. Ein Herr begrüßt die Anwesenden "im Namen von Lit.Cologne, in dessen Namen das hier stattfindet." Ist Lit.Cologne wirklich ein Maskulinum oder war der falsche Genitiv der erste Witz des Abends? Leider lacht niemand.

Durch den Abend führt Radio-Moderator Thomas Bug in gewohnt launischer Manier. Damit der "Lernerfolg" am Ende umso größer sei, bittet er die Zuschauer, ganz unten zu beginnen, und lässt Tausende Schüler im Chor nachsprechen: "Ich bin zu diese Deutschstunde beigekommen, weil dem Deutsch von mich nicht gut sein tut." Das kann natürlich nur noch besser werden.

Dann geben sich die Prominenten nacheinander das Mikro in die Hand. Bastian Sick liest drei seiner schönsten Zwiebelfisch-Kolumnen. Die Schüler lernen, dass sie künftig nicht mehr "nach Aldi" sondern "zu Aldi" gehen werden. Die Persiflage einer verquasten Politikerrede durch Joachim Hermann Luger - alias Hans Beimer aus der "Lindenstraße" - gelingt so treffend, dass die Schüler sie ebenso ignorieren wie echte Politikerreden. In den Reihen beginnt auch sofort wieder das übliche Gezeter und Gekicher.

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