Bayerische Staatsoper
Wie politisch korrekt muss die Oper sein?

Die südafrikanische Sopranistin Golda Schultz ist die einzige dunkelhäutige Sängerin an der Bayerischen Staatsoper. Sie weiß, dass für manche Zuschauer Multikulti auf der Opernbühne noch keine Selbstverständlichkeit ist.
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MünchenIm „Rosenkavalier“, der vielleicht berühmtesten Oper von Richard Strauss, gibt es einen Mohren. Er hat nichts zu singen und nichts zu sagen und taucht, als Page der Marschallin, nur zu Beginn und zum Ende des Stückes auf. „Die Bühne bleibt leer, dann geht nochmals die Mitteltür auf. Herein kommt der kleine Neger mit einer Kerze in der Hand, sucht das Taschentuch, findet es, hebt es auf, trippelt hinaus“, lautet dazu die politisch nicht ganz korrekte Regieanweisung ganz am Schluss des Librettos von Hugo von Hofmannsthal. Meist findet das Publikum den Auftritt recht putzig, es wird gekichert. Dann fällt der Vorhang.

Golda Schultz liebt den „Rosenkavalier“. Sie kennt ihn in- und auswendig, schließlich hat sie schon mehrfach die Rolle der Sophie verkörpert, der Tochter des reichen Bürgers Faninal, die sich in Oktavian, den „Rosenkavalier“ verliebt. Die 31-jährige Sopranistin stammt aus Südafrika und ist die derzeit einzige schwarze Sängerin im Ensemble der Bayerischen Staatsoper. „Als Schwarze muss ich da schon tief durchatmen“, sagt sie. „Aber dann muss ich auf die Bühne und meinen Job machen. Wenn ich all das von vornherein ausschließen würde, was politisch nicht korrekt ist, wäre die Auswahl ziemlich eingeschränkt.“

Schultz ist ein Ausnahmetalent. Sie studierte zuerst in ihrem Heimatland, ging dann an die renommierte New Yorker Juilliard School und wurde schließlich nach einem Vorsingen prompt ins Opernstudio der Staatsoper aufgenommen, der Talentschmiede des Hauses. Nach einer Zwischenstation im steirischen Graz ist sie jetzt festes Ensemblemitglied des Münchner Renommiertheaters. „Golda ist ein echter Hingucker“, sagt Staatsopernintendant Nikolaus Bachler. „Neben ihrer wunderbaren Stimme verfügt sie über eine große Bühnenpräsenz.“

Einstweilige Krönung ihrer jungen Karriere ist ein Ruf zu den Salzburger Festspielen. Dort wird sie diesen Sommer in der Wiederaufnahme von Harry Kupfers edler „Rosenkavalier“-Inszenierung von 2014 die Sophie verkörpern. Der österreichische Dirigent Franz Welser-Möst hatte die junge Frau kurzerhand nach einem gemeinsamen Strauss-Konzert im Münchner Nationaltheater verpflichtet. „Ich habe großen Respekt vor dieser Rolle. Und vor den Festspielen“, sagt die junge Frau aus bürgerlichem Haus. Ihr Vater, ein Mathematikprofessor, hatte einst in Freiburg im Breisgau studiert.

Sehr viele schwarze Opernsängerinnen und -sänger, die es an die Weltspitze geschafft haben, gibt es bislang nicht. Die bekannteste von ihnen, Jessye Norman, ist eine der großen Diven des 20. Jahrhunderts. Norman war US-Amerikanerin, ebenso wie ihre bedeutende Kollegin Grace Bumbry. Doch langsam ziehen junge Talente vom afrikanischen Kontinent nach. Die südafrikanische Sopranistin Pumeza Matshikiza hat sogar den Sprung aus den Townships auf die internationalen Bühnen geschafft. Sie singt im Ensemble der Staatsoper Stuttgart. In dieser Spielzeit verkörpert sie unter anderem die Mimi in Puccinis „La Boheme“.

Südafrika besitzt zwar keine tief verwurzelte Operntradition, ist aber reich an Chören. „Wir Südafrikaner lieben es, zu singen und zu tanzen. Wir haben ganz große Chöre mit sehr vielen wertvollen Stimmen“, erzählt Schultz. „Aus diesen Ensembles kamen manche der besten Opernsängerinnen und -sänger unseres Landes.“ Dort hat sich die paradoxe Situation eingestellt, dass auf der Bühne mehrheitlich schwarze Künstler agieren, während sich das Opernpublikum in Kapstadt oder Johannesburg vorwiegend aus Musikliebhabern europäischer Abstammung zusammensetzt. „Viele Schwarze haben einfach zu wenig Geld, um sich die teuren Opernkarten leisten zu können“, sagt Schultz.

Vor ihrem Salzburg-Debüt im Sommer wird Schultz in der bevorstehenden Wiederaufnahme von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“, erstmals in München von Kirill Petrenko dirigiert, die Rollen der Freia und der Walküre Ortlinde verkörpern. Die Besetzung ist international. „Es muss heute selbstverständlich sein, dass Sophie von einer schwarzen US-Amerikanerin oder einer Südafrikanerin und Brünnhilde von einer Asiatin verkörpert wird“, sagt Opernchef Bachler. „Auch wenn sich der eine oder andere im Publikum immer noch daran stört.“

Dass es an vielen Häusern weiterhin üblich ist, Sängerinnen- und Sänger, die „schwarze“ Rollen verkörpern sollen, entsprechend zu schminken, findet Bachler „unmöglich“. „Othello“ freilich, der berühmte dunkelhäutige Held aus Verdis gleichnamiger Oper, sei ein Sonderfall, sagt Bachler, weil hier die Hautfarbe explizit thematisiert werde. Und der kleine Mohr, der im „Rosenkavalier“ ein längst überholtes Klischee transportiert? Golda Schultz gibt sich pragmatisch: „Muss man sterben für sein politisches Gewissen? Ich bin nicht dafür gemacht. Mir ist vor allem wichtig, dass das Publikum sich auf meine Kunst konzentriert, nicht auf meine Hautfarbe.“

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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