Beim Blick in den iranischen Alltag spart Marjane Satrapi kein Tabu aus – jetzt erscheint ihr jüngster Comic auf Deutsch
Von den Mühen unter den Mullahs

Liebe, Schmerz, Sex, Drogen, dazu eine gehörige Portion Politik - gebunden in eine Familiensaga im Iran: Diese Mischung, verfeinert mit subtilem Humor, hat der Comic-Autorin Marjane Satrapi einen internationalen Erfolg beschert, den sich die 35-jährige Iranerin bis heute kaum erklären kann.

HB PARIS. Als sie vor fünf Jahren den ersten Teil der Serie "Persepolis" abschloss, hatte sie noch nicht einmal damit gerechnet, überhaupt einen Verleger zu finden. "Ich dachte, einer hat vielleicht Mitleid mit einem armen Mädchen aus dem Mittleren Osten, oder ich lasse einfach ein paar Exemplare für meine Freunde drucken", erinnert sich die aparte dunkelhaarige Iranerin heute.

Doch ihre autobiografische Geschichte, wie sie als kleines Mädchen aus einer iranischen Familie der oberen Mittelschicht das Chaos und den Terror der islamischen Revolution sowie den brutalen Krieg mit dem Irak erlebte, hat ihr eine weltweite Aufmerksamkeit beschert. Mehr als 800 000 verkaufte Exemplare, Preise, Übersetzungen in mehr als 20 Sprachen, von Polnisch bis Japanisch.

In den Bänden Persepolis I und II beschreibt sie ihr Schicksal und das ihrer Familie in einfachen, aber prägnanten Bildern und Worten. Dabei schafft sie es mit großer Leichtigkeit, die politischen Hintergründe der Zeit, das eigene Heranwachsen im revolutionären Iran sowie ihre Erfahrungen als junges Mädchen alleine im europäischen Exil zu verbinden und dem Leser dabei einen authentischen Einblick in die vielschichtige iranische Kultur und Gesellschaft zu geben.

Bei ihrem Blick in den iranischen Alltag spart sie auch im jetzt auf Deutsch erschienenen Band "Sticheleien" kaum ein Tabu aus: ob nun die opiumsüchtige Großmutter, Sex vor der Ehe und die später folgenden chirurgischen Eingriffe zur "Rettung" der Jungfräulichkeit. Ihre Geschichten zeichnen die Widersprüchlichkeit des Irans auf, dessen Gesellschaft sich auf dem mühevollen Weg von einer traditionell patriarchalischen in eine moderne befindet und dies unter der Fuchtel des religiösen Regimes - zu viel Ehrlichkeit für die Islamische Republik Iran.

Seit fünf Jahren ist Satrapi nicht mehr in ihrer Heimat gewesen. Drohungen hat sie zwar keine erhalten, doch die iranische Botschaft in Paris, ihrer Wahlheimat, hat ihr zu verstehen gegeben, dass sie und ihre Kunst nicht erwünscht seien. Dabei, und das sagt Frau Satrapi nicht ohne Stolz, ist sie schließlich die erste iranische Comic-Autorin. "Das wird immer geschrieben, und es hat noch nie jemand widersprochen", sagt sie verschmitzt.

Mit ihrer Arbeit zählt sie zu einer neuen Gruppe von Comic-Autoren, die dem Genre aus der Schmuddel- und Micky-Maus-Ecke den Einzug ins Feuilleton ermöglicht und den Begriff der "grafischen Novelle" geprägt haben. Zu den bekanntesten Protagonisten gehören Art Spiegelman, der für seine "Maus"-Erzählungen über den Holocaust den Pulitzer Preis erhielt, sowie Daniel Clowes oder Joe Sacco, der mit seinen Reportage-Comics "Palestine" oder "Safe Area Gorazde" Furore machte.

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