"Beim Häuten der Zwiebel"
Grass-Autobiografie verkauft sich gut

Die neue Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel" von Günter Grass hat in den ersten Verkaufstagen viele Käufer gefunden. Die erste Auflage ist bereits fast verkauft. Unterstützung erhielt der Schriftsteller von Volker Schlöndorff, der den Roman „Die Blechtrommel“ verfilmt hatte.

GÖTTINGEN. Der Wirbel um Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass und seine Waffen-SS-Zugehörigkeit hat wie erwartet den Verkauf kräftig angekurbelt. Kurz nach dem vorgezogenen Verkaufsstart war die erste Auflage von 150 000 Exemplaren nahezu vergriffen. Bis Donnerstagmorgen waren nach Angaben des Steidl Verlags in Göttingen 130 000 Stück verkauft.

Die zweite Auflage mit 100 000 Büchern sei bereits im Druck. „Es wird keine Engpässe geben, der Buchhandel wird zügig mit Nachschub versorgt“, sagte Verlagssprecherin Claudia Glenewinkel. Beim Internet-Buchhändler Amazon sprang der Titel am Donnerstag auf Platz eins der meistverkauften Bücher.

„Im Vergleich zu anderen Neuerscheinungen ist die Nachfrage exorbitant“, bestätigte Harald Butz von der Hamburger Buchhandlung Heymann am Donnerstag. Bei Thalia in Hamburg rechnete man ebenfalls mit einer sehr großen Nachfrage: „Wir haben natürlich sofort reagiert und etwa das Sechsfache des üblichen Ersteinkaufs geordert“, sagte eine Sprecherin. Auch das Berliner Kulturkaufhaus Dussmann berichtete von einem „sehr guten Verkauf“ der Grass-Memoiren. Der Titel verkaufe sich noch besser als Grass' letztes Buch „Im Krebsgang“.

Der Schriftsteller (78) selbst bezeichnete sein neues Buch im im Gespräch mit der dpa als „Versuch, einen jungen Menschen, der mir fremd ist, wieder zu entdecken und ihn zu befragen, wie er sich in bestimmten Situationen verhalten hat“. So frage er sich zum Beispiel, warum er, ein aufsässiger und neugieriger Schüler, damals keine Fragen über das nationalsozialistische Regime und dessen Verbrechen gestellt habe.

Was seine Monate bei der Waffen-SS im Frühjahr 1945 angehe, betonte Grass: „Die Division Frundsberg, der ich zugeordnet war, habe ich nie gesehen. Immer wieder wurden Verbände zusammengewürfelt, die schon wenige Tage nach dem Einsatz auseinandergesprengt waren.“ Die ersten Toten, die er gesehen habe, „waren keine Russen, sondern Deutsche, darunter viele meines Alters“.

Rückendeckung von Schriftstellerkollegen

Der Regisseur der Verfilmung von Grass' berühmten Roman „Die Blechtrommel“, Volker Schlöndorff, zeigte unterdessen Verständnis für den Autor und sein spätes Bekenntnis. In einem im „Tagesspiegel“ (Donnerstag) abgedruckten Brief an den Literatur-Nobelpreisträger schreibt der 67-Jährige: „Du als Autor unterwirfst Dein eigenes Erzählen wie sonst das Deiner fiktiven Helden dem einzigen Dir heiligen Gesetz, nämlich dem der Kunst. (...) Und wenn dabei ein durch lebenslange Arbeit entstandenes öffentliches Monument zu Bruch geht, so kannst Du dafür nicht.“ Der Regisseur wünschte Grass zudem, er möge es als „große Befreiung“ empfinden, „endlich selbst die Narrenfreiheit“ seiner erfundenen Helden zu haben.

Auch Grass' Schriftstellerkollege Martin Walser verteidigte diesen: „Es herrscht hier kein Klima, das einlädt, mit sich selbst freimütig abzurechnen und entspannt darüber zu sprechen, was einem passiert ist“, sagte Walser am Mittwochabend in einer „aspekte extra“-Sendung des ZDF. „Es ist ein Klima der Vergiftungen, der schnellen Verdächtigungen und des Rufmordes. (...) Ich verstehe, dass Günter Grass das nicht öffentlich gemacht hat. Ich verstehe das sehr gut.“

Literaturkritiker Hellmuth Karasek forderte in der gleichen Sendung von Grass persönliche Konsequenzen. „Ich fände es eigentlich angemessen, dass er das Geld, das er für den Nobelpreis bekommen hat, einer Wiedergutmachungs-Stiftung, die Opfer des Waffen-SS-Staates betreut, anvertrauen sollte. Ich glaube sogar, er könnte sich das leisten.“

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