Berlin Art Week
Schleckers Pleite in der Kunst

Im Herbst streicht Berlin seine Bedeutung als Drehscheibe der aktuellen Kunst mit vielerlei Schauen heraus. Ausgangspunkt für die „Berlin Art Week“ sind beachtliche Galerieausstellungen. Ein erster Eindruck.
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BerlinZur „Berlin Art Week“ haben die Privatgalerien ihr gewaltiges  Ausstellungsprogramm deutlich entzerrt. Die Eröffnungen konzentrieren sich nicht nur auf die Tage rund um die „abc - art berlin contemporary“ und die Messe „Preview“. Viele Vernissagen gab es schon im Vorfeld, dankbar angenommen von den Kunstwanderern, die sich umfassend informieren wollen. Bereits in der letzten Augustwoche eröffnete Contemporary Fine Arts  an der Museumsinsel eine Doppelausstellung, in der der Slominski- und Reyle-Schüler Peter Böhnisch (Jahrgang 1977), der vor vier Jahren sein Debüt bei Giti Nourbakhsch hatte, mit sublimen Scheibenbildern auftritt, deren Mittelpunkt gravierte Wachsplaketten sind. Gleichzeitig läuft hier die Themenschau „Kids“, die den Titel Larry Clarks gleichnamigem Film entlehnt, in dem Jugendliche ihre ersten mehr oder weniger heftigen sexuellen Erfahrungen sammeln.

Der diabolische Zögling

Der amerikanische Regisseur und Fotograf ist denn auch mit einer Serie farbiger Film-Stills vertreten. Aber interessanter sind die Malereien dieser bewusst breit angelegten Schau, die mit verkäuflichen Leihgaben befreundeter Händler und eigenen Beiträgen einen weiten Bogen spannt: von Emil Noldes spätem Figurenbild „Emil und Hans“ (2,4 Millionen Euro) bis zum Riesenbaby von Georg Baselitz (690.000 Euro), von  Kinderporträts der Paula Modersohn-Becker (um 900.000 Euro) bis Marlene Dumas' Hochformat „Protection“, in dem eine düstere Figur einen Mädchenakt umklammert (630.000 Euro). Einige Werke dieses differenzierten Reigens, der das Kind als Kunstfigur, Opfer, Biest und süßes Wesen vorführt, sind bereits verkauft, darunter die Darstellung eines diabolischen Zöglings, der einen Schmetterling zerrupft, von Dana Schutz (bis 22. September).

Die Verwundbarkeit des Menschen

Die Palästinenserin Mona Hatoum ist seit dreißig Jahren eine Kultfigur der politischen Kunst, deren Hauptthema die Verwundbarkeit des Individuums in etablierten Machtstrukturen ist. Die Galerie Max Hetzler, die ihr zuletzt 2008 eine Einzelschau widmete, zeigt eine Gruppe neuerer Arbeiten, unter denen das Bodenstück „Turbulence“ aus 55.000 durchsichtigen Glasmurmeln das poetisch flimmernde Starpiece ist. Auf die blutige Revolution in Ägypten spielt ein Teppichensemble mit elf schwebenden Gerippen an (180.000 Euro). Teuerstes der noch verkäuflichen Objekte ist eine Installation mit fünf gekippten Stahlkäfigen, auf deren Boden rote Glaskörper wie monumentale Blutstropfen kleben (300.000 Euro). Zusammengeschweißte und an Rändern und Wänden verletzte Stahlröhren bilden Architekturen aus der Kampfzone Beirut nach: unvergängliche Wunden (150.000 bis 225.000 Euro. Bis 13. 10.).

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