Berlin Biennale: Ein Buch soll abgeschafft werden

Berlin Biennale
Ein Buch soll abgeschafft werden

Ein tschechischer Künstler möchte Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ einsammeln und für einen guten Zweck recyceln lassen. An dem Projekt wollen zahlreiche Kunstinstitutionen im ganzen Land mitwirken. Sie möchten ein Zeichen gegen Ausländerfeindlichkeit setzen. Inzwischen mehren sich aber die Irritationen, weil die Aktion an die nationalsozialistische Bücherverbrennung erinnert. Das Institut für Auslandsbeziehungen hat seine Beteiligung bereits abgesagt.
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BerlinDas Institut für Auslandsbeziehungen (Ifa) hat seine Beteiligung am Berliner Kunstprojekt „Deutschland schafft es ab“ am Freitag abgesagt. Ursprünglich hatte sich das ifa wie zahlreiche weitere Kunsthallen, Kunstvereine und Galerien dazu bereit erklärt, sich an der Aktion des tschechischen Künstlers Martin Zet zu beteiligen. Dabei soll es darum gehen, 60.000 Exemplare des Bestsellers „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin einzusammeln und zu recyceln. Vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte sei diese Aktion jedoch „in ihrer Form und Umsetzung nicht akzeptabel“, begründet ifa-Generalsekretär Ronald Grätz den Rückzieher seines Instituts.

Das Projekt Martin Zets soll im Rahmen der 7. Berlin Biennale stattfinden, die Ende April eröffnet wird und in diesem Jahr von dem polnischen Künstler Artur Zwijewski kuratiert wird. Zet fordert die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland dazu auf, Exemplare des Sarrazin-Buches an „Sammelstellen“ abzugeben. Als Sammelstellen sollen zahlreiche Kunstinstitutionen im ganzen Land dienen, darunter die Kunst-Werke Berlin, der Kunstverein Hamburg und die Städtische Galerie im Lenbachhaus in München. Die eingesammelten Bücher sollen dann nach Berlin gebracht, als Installation auf der Berlin Biennale gezeigt und anschließend „für einen guten Zweck recycelt“ werden wie es in der Pressemitteilung der Berlin Biennale heißt. Das Buch fördere Tendenzen in Deutschland, die sich gegen Migranten und vor allem Türken wende, kritisiert der Künstler.

Das Projekt muss überarbeitet werden

Dass das Ifa in der Aktion offensichtlich Assoziationen mit der Büchervernichtung durch die Nazis sieht, scheint in den Berliner Kunst-Werken – in denen die Berlin Biennale angesiedelt ist – Erschrecken ausgelöst zu haben. „Es geht uns nicht um die Vernichtung der Bücher“, beteuert Sprecher Denhart von Harling, „sondern die Intention ist, ein Nachdenken über den Erfolg dieses Buches anzustoßen.“ Das im Sommer 2010 erschienene Buch hatte heftige Diskussionen über die Integration von Zuwanderern in Deutschland ausgelöst. Bislang sind 1,3 Millionen Exemplare verkauft worden.

Unterdessen hat das in Berlin ansässige Haus der Kulturen der Welt den Künstler in einer Erklärung dazu aufgefordert, eine „konzeptionelle Klärung“ seines Projekts vorzunehmen. „Als wir der Buchsammelaktion Martin Zets zustimmten, ging es uns um die Möglichkeit, individuelle Zeichen gegen fremdenfeindliches Gedankengut zu setzen“, erklärt Intendant Bernd Scherer. „Nun zeigt sich aber in der öffentlichen Debatte, dass diese Aktion mit den nationalsozialistischen Bücherverbrennungen in Zusammenhang gebracht wird. Es zeichnet sich eine Polarisierung ab. Der Rassismus, der in Deutschland fortbesteht und den wir in Thilo Sarrazins Buch feststellen, wird vom Haus der Kulturen der Welt durch engagierte Auseinandersetzung verhandelt und bekämpft, nicht aber durch diese Form der Polarisierung.“ Wie Pressesprecherin Anne Maier auf Nachfrage bestätigt, hält das Haus der Kulturen der Welt aber an der Beteiligung an der Kunstaktion fest.

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