Berlin
Brückenschlag zur islamischen Moderne

Ästhetisch selbstbewusste, aktuelle Kunst aus dem islamischen Kulturraum macht derzeit Furore. Auf dem Kunstmarkt, der Istanbul-Biennale und in Berlin. Wer Haltungen, Kunstwerke und neue Namen kennen lernen will, dem seien zwei Großausstellungen empfohlen: im Martin-Gropius-Bau und in den Akademien der Künste.
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BERLIN. Das Bilderverbot des Islam hat bis heute den Blick der westlichen Welt auf die Kunst dieses Kulturkreises lange verstellt. Andererseits hat sich die europäische Kunst seit dem Historismus so manche Anregung aus der arabischen, indischen und osmanischen Kultur geholt. In jüngster Zeit macht im Zeichen der Globalisierung eine politisch und ästhetisch selbstbewusste Kunst, wie sie in der Biennale in Istanbul und im internationalen Kunstmarkt erscheint, Furore. Ein Markstein war die erste Auktion rein türkischer Kunst am 4. März 2009 bei Sotheby's in London, die aber charakteristischerweise der westlich beeinflussten Malerei die höchsten Preise bescherte: allen voran 193.250 Pfund für ein rotes, abstrakt expressionistisches Gemälde des frankophilen Istanbulers Mübin Orhon (1914-1981).

Der kommende Trend

Es gibt Marktbeobachter, die voraussagen, dass sich der Fokus trendbewusster Contemporary-Sammler demnächst auf den islamischen Kulturraum, vom Balkan bis Nahen Osten, richten wird. Da sind Überblick und Grundlageninformationen vonnöten. Berlin wartet derzeit mit einem Großaufgebot an osmanisch-islamisch grundierter Kunst auf. Im Widerstreit der Meinungen steht die zentrale Schau im Martin-Gropius-Bau "Islamische Bildwelten und die Moderne", die in 18 Themenräumen das Auge für ästhetische Gleichklänge öffnen will. Ausgangspunkt ist die islamische Kalligraphie. Es ist keine kunsthistorische Schau, die ikonographisch-motivische Zusammenhänge aufschlüsselt, sondern eine assoziative, betont subjektive Auswahl, mit der die Kuratoren Almut Bruckstein Coruh und Hendrik Budde ein "kollektives Archiv" west-östlicher Aneignungen öffnen.

Da gibt es dann zwar rein atmosphärische Verknüpfungen wie die gelben Pigmenthäufchen von Wolfgang Laib mit goldstrahlenden Koranseiten des 11. Jahrhunderts. In weiten Teilen ist die Ausstellung, die alle Disziplinen von Schriftkunst und figurativer Miniatur bis Architektur und Kunstgewerbe einschließt, aber eine Schule des Sehens: Hier werden Abwesenheit wie Präsenz des menschlichen Körpers akzeptiert, architektonische Ordnung und erzählende Malerei als ein Grundprinzip beider Kulturen erkannt und das Politische auch als Ausdruck einer ästhetischen Emanzipation begriffen. Von frühen Meisterwerken islamischer Schriftbilder bis Mona Hatoums Installation "Light Sentence" reicht das Spektrum der Exponate. Hatoum geißelt mit einer Batterie von Drahtgitterkäfigen Entmenschlichung. Auch mancher Brückenschlag zunächst ostentativ erscheint, so lässt uns doch der sinnliche Gewinn das Lehrhafte nicht vermissen.

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