Berlin
Opernabsetzung löst heftige Reaktionen aus

Die Absetzung einer Mozart-Oper in Berlin aus Furcht vor islamistischer Gewalt hat einen Tag vor dem Islam-Gipfel der Bundesregierung eine heftige Debatte ausgelöst. Regisseur Hans Neuenfels ist sauer, Politiker reagieren mit Kommentaren wie „verrückt“ und „ungeheuerlich“. Selbst manchen Muslimen geht soviel Selbstzensur zu weit.

HB BERLIN. Die Deutsche Oper Berlin hatte am Montag bekannt gegeben, dass sie die für den 5. November geplante Wiederaufnahme von „Idomeneo“ in der Inszenierung von Hans Neuenfels aus dem Spielplan genommen habe. Zur Begründung führte Intendantin Kirsten Harms an, bei den Berliner Sicherheitsbehörden seien „nach deren Einschätzung durchaus ernst zu nehmende Hinweise“ eingegangen, dass Szenen der Inszenierung, die sich auch mit dem Islam auseinander setzten, derzeit „ein unkalkulierbares Risiko“ für das Haus darstellten. Sie habe „zwischen künstlerischer Freiheit und andererseits der Sicherheit für Leib und Leben“ abwägen müssen, erklärte die Intendantin.

Der für einen Hang zur Provokation bekannte Regisseur Neuenfels lässt in der Inszenierung König Idomeneo die abgeschlagenen Köpfe von Poseidon, Jesus, Buddha und Mohammed präsentieren. Diese Szene hatte bereits bei der Premiere im Dezember 2003 heftige Proteste des Publikums ausgelöst. Die Oper war letztmals am 12. Mai 2004 aufgeführt worden. Neuenfels betonte in der „Berliner Morgenpost“, dass man sich nicht einschüchtern lassen dürfe. „Dann hätte man erst recht spielen und den Vorgang thematisieren und diskursiv einbetten sollen.“ Sein Anwalt Peter Raue legte Harms laut „Netzeitung“ den Rücktritt nahe.

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble kritisierte die Absetzung in Washington mit den Worten: „Das ist verrückt.“ Ein solcher Schritt sei lächerlich und inakzeptabel. CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer nannte die Absetzung „ungeheuerlich“. Einen solchen Vorgang habe es in Deutschland noch nicht gegeben. Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) erinnerte an die Freiheit des Wortes und der Kunst.

Grünen-Politikerin Göring-Eckardt spricht von Kapitulation

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sagte, aus seiner Sicht sei eine konkrete Gefährdung, die die Absetzung der Oper rechtfertige, nicht zu erkennen. SPD-Fraktionschef Peter Struck sprach von einer Kapitulation vor einer möglichen Gefahr, Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Grüne) von einer Kapitulation in vorauseilendem Gehorsam.

Muslimische Spitzenvertreter bewerteten die Entscheidung unterschiedlich. Der Vorsitzende des Islamrats, Ali Kizilkaya, sagte der „Netzeitung“, die Absetzung sei richtig, da in einer Szene die religiösen Gefühle von Muslimen verletzt würden. „Eine Oper oder eine Karikatur - das macht keinen großen Unterschied.“ Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinden, Kenan Kolat, appellierte dagegen an die Leitung der Oper, das Stück wieder ins Programm zu nehmen. Selbstzensur sei in modernen Gesellschaften nicht angebracht, sagte Kolat. „Wir würden sonst zurück zu Verhältnissen wie im Mittelalter kommen“, sagte er. Er könne zwar nachvollziehen, dass ein abgeschlagener Kopf des Propheten die Gefühle frommer Muslime verletzen könnte. Er empfehle aber allen Muslimen, bestimmte Sachen zu akzeptieren.

Berlins Polizeipräsident Dieter Glietsch äußerte Verständnis für die Entscheidung. Im Inforadio vom rbb sagte er, nach den Erfahrungen mit dem Karikaturenstreit könne eine Szene, in der der abgeschlagene Kopf Mohammeds gezeigt werde, eine Gefährdungssituation auslösen. Es habe im Juni einen Anruf bei der Bundespolizei gegeben, in dem auf die entsprechende Opernszene aufmerksam gemacht wurde. Daraufhin habe die zuständige Dienststelle des Landeskriminalamts die Deutsche Oper darauf hingewiesen, dass eine Aufführung mit dieser Szene zu Problemen führen kann.

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