Berlinale
Ballerepos für vermeintlich kritische Geister

Die Erwartungen an Tom Tykwers Finanzthriller „The International“ waren hoch. Zumal Tykwer mit der Wahl des Themas voll ins Schwarze getroffen zu haben schien. Doch der Eröffnungsfilm der Berlinale konnte die Zuschauer nicht ganz zufriedenstellen – außer die Freunde gepflegter Schießereien in architektonisch ungewöhnlicher Umgebung.

BERLIN. „The International“, der Eröffnungsfilm der Berlinale von Tom Tykwer, ist ganz großes Kino, behaupten Boulevard wie kulturgesättigtes deutsches Feuilleton, denn er stelle mit geradezu seherischen Fähigkeiten die Verruchtheit der Banken- und Finanzwelt dar. Doch bleiben wir ehrlich: Als Thriller geht der Film mit Ach und Krach durch, obwohl es ihm grundsätzlich an Spannung und oft sogar an Tempo mangelt. Eine visionäre und gar aktuelle Kritik des dahinsiechenden Finanzsystems ist er aber nun ganz und gar nicht.

Vielmehr kommen die Banken, besser gesagt die eine, um die es geht, als einzige verbliebene Weltmacht über, die Staaten, Gerichte und Geheimdienste aussticht. Das ist so krude und simpel, dass es einem den Spaß verdirbt. Selbst Anhänger wuchernder Verschwörungstheorien unter anderem in den Feuilletons sollten mittlerweile zur Kenntnis genommen haben, dass nicht die Banken den Staat beherrschen, sondern die Staaten derzeit alle Hände voll zu tun haben, um die Implosion des Bankensystems zu verhindern.

Gut, Tykwer wollte keinen Film über die Finanzkrise drehen. Ehrlicherweise sollte er zugeben, was ganz offensichtlich der Auslöser des Films war: Der authentische Fall der BCCI (Bank of Credit and Commerce International), die 1972 gegründet und 1991 (von Briten und Amerikanern) wegen einer atemberaubenden Fülle krimineller Machenschaften geschlossen wurde. Die BCCI handelte mit Waffen, war mit der organisierten Kriminalität verwoben, betrieb Geldwäsche und bestach Politiker. Ein Stoff, wie von der Realität auf die Straße gelegt, damit ihn endlich ein guter Regisseur aufgreift.

Leider hat Tykwer es nicht getan, erwähnt er den Fall nicht einmal , der unübersehbar Pate gestanden hat, bis hin zum Namen: Bei ihm heißt die Ganovenbank nicht BCCI, sondern IBBC. Und sie stammt nicht wie das Original aus Pakistan, sondern aus dem beschaulichen Luxemburg. Für den filmischen Hauptsitz dieser Bank des Bösen musste ein Teil der Wolfsburger Autostadt herhalten. Luxemburg und Wolfsburg - vielleicht liegt es ja daran, das sich so gar kein Bedrohungsgefühl einstellen will, obwohl der furchtlose Interpol-Agent (Clive Owen) und die New Yorker Staatsanwältin (Naomi Watts) ständig davon reden, dass die ruchlosen Bankbetreiber vor wirklich keiner Missetat zurückschrecken. Vielleicht aber auch daran, dass wir nach so vielen James Bond Filmen nicht mehr ernsthaft darum zittern können, ob die Welt es mit den Schurken aufnehmen wird.

Erst recht nicht dann, wenn wir von Anfang an erfahren, wo die zerstörerische Gewalt sich niedergelassen hat und wie sie aussieht. Was soll sich da im Lauf des Films noch spannungsreich entwickeln? Zumal wenn die Bösen von so netten Menschen wie Armin Müller-Stahl verkörpert werden, dem man doch heute noch ohne weiteres ein Lehman-Zertifikat abkaufen würde. Ausgerechnet er stellt den starken Arm, den Exekutor der verruchten Bank dar, einen ehemaligen Stasi-Oberst. Stasi? Sind die nicht seit 20 Jahren in Rente? Kann sich die Zentrale des Bösen nicht was Besseres leisten?

Ach, das ist nur eine der vielen Ecken und Kanten, die im Laufe des Films immer wieder unsere aufkeimende Bereitschaft zerfetzen, dem Plot doch noch eine Chance zu geben.

Spricht also gar nichts für "The International"? Doch, die Anfangsszene hat die Offenheit und Doppeldeutigkeit, enthält die Spannung, die dem Rest des Films meist fehlt. Und er ist an ein paar eindrucksvollen Plätzen mit schönen Aufnahmen gedreht. (Die Lederpolster der vielen Audi-Limousinen kommen auch gut rüber). Den extrem langen Schusswechsel im (nachgebauten) Guggenheim mag auf die Habenseite rechnen, wer großen Wert auf Maschinenpistolen mit langen Magazinen und kurzen Läufen legt. Irgendwie ist sie ja auch die Quintessenz des Films: ein Ballerepos für vermeintlich kritische Geister.

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