Berlinale Filmkritik
Von bizarren Paaren und adligen Verführern

Die ganze Vielfalt der Berlinale in zwei Filmen: "London River" ist ein modernes Märchen über Kulturen und Religionen in Zeiten der Rucksackbomber, "The Countess" hingegen ein Kostümfilm, der mit der vielleicht schönsten, sicher aber schnellsten Verführungsszenen der Filmgeschichte aufwartet. Chancen auf den goldenen Bären hat aber nur einer. Eine Filmkritik.

BERLIN. Was wäre, wenn die Terroranschläge moslemischer Extremisten die Kulturen und Religionen nicht auseinandertrieben, sondern zusammenführten? London River von Rachid Bouchareb, bei der Berlinale im Wettbewerb mit Aussicht auf den goldenen Bären, ist ein modernes Märchen in Zeiten der Rucksackbomber, das dieser Hypothese nachspürt. Zwar geht es nicht gleich um die Kulturen und Religionen an sich, aber zumindest um zwei Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, aus diesen Kulturen: Ousmane, Moslem aus Afrika, und Elisabeth, englische Offizierswitwe. Beide treibt die Nachricht von den Bombenanschlägen in der U-Bahn und in einem Bus nach London: Sie sind in Sorge um ihre Kinder.

Beide haben nichts gemein, können sich nur mühsam verständigen. Doch müssen sie im Lauf der Ereignisse feststellen, dass sie mehr verbindet, als ihnen lieb ist: Elisabeht erfährt zu ihrem Entsetzen, dass ihre Tochter Jane in Ali, Ousmanes Sohn, verliebt ist und – womöglich noch schlimmer – sogar Arabisch lernt, um den Koran im Original lesen zu können. Elisabeths Abwehrreflex ist so heftig, dass sie Ousmane die Polizei auf den Hals hetzt.

Schnell verkehren sich die Rollen: Ousmane ist trotz seiner Armut und zerrütteten Familienverhältnisse der noble, fast gentlemanlike Herr, sie trotz ihrer überlegenen sozialen Stellung die Engherzige, Verständnislose. Doch die Suche nach Tochter und Sohn ist stärker als die Vorurteile, die Elisabeth vielleicht nicht überwindet, aber zumindest zurückstellt.

So ziehen die Beiden als ein bizarres Pärchen durch die Hospitäler und Leichenhallen: Die pummelige Weiße und der hagere, hochgewachsene Schwarze mit den langen Rastazöpfen. „Ihre Haare sind ziemlich lang“, platzt es irgendwann aus ihr heraus, und er antwortet milde und nicht ganz ernst gemeint: „Ich kann sie ja etwas abschneiden“. Da lacht Elisabeth selbst über ihre Einfalt. Von da an schmelzen die Ressentiments schnell dahin, vielleicht ein wenig zu schnell, um ganz glaubwürdig zu sein. Aber wer wollte diesem Film einen Vorwurf daraus machen, der am Beispiel von zwei Menschen in einer Extremsituation die unmenschliche These vom Kampf der Kulturen ad absurdum führt?

The Countess – Weltpremiere bei der Berlinale – ist ein Film von Julie Delpy, mit Julie Delpy und auch Drehbuch und Musik sind von Julie Delpy. Sagen wir es gleich: Sie spielt in diesem Falle besser als sie Regie führt. In der zweiten Hälfte ertrinkt der Film im wahrsten Sinne des Wortes im Blut. Das wäre nicht nötig und das hat die erste Hälfte nicht verdient, die intelligent und elegant zeigt, wie sich die reiche Adlige Erzsebet Bathory im Ungarn des 16. Jahrhunderts in einer von Kriegern, Höflingen und Geistlichen dominierten Gesellschaft behauptet. Nach dem Tod ihres Mannes schlägt sie eine Zweckehe aus und besteht auf dem Recht auf Liebe zu dem deutlich jüngeren Istvan (Daniel Brühl).

Diese Affäre, die nicht zu einer Beziehung werden kann, weil sie es nicht darf, beginnt mit einer der vielleicht schönsten, sicher aber schnellsten Verführungsszenen der Filmgeschichte. Zu sehen, wie Erzsebet-Julie ihren herrisch-kalten Blick auf den jungen Istvan in Sekundenbruchteilen zu einer unwiderstehlich erotischen Verlockung erhitzt – schon das allein lohnt den Film. „Gefallen Ihnen meine Lippen?“ fragt sie den völlig verwirrten Istvan, der nur noch wirr stammelt. Leider muss man feststellen, dass nicht nur Erzsebet Istvan um den Finger wickelt, sondern auch Delpy den Rest der Mannschaft komplett an die Wand spielt.

Aus diesem Kostümfilm hätte ein Werk von sublimer Leichtigkeit werden können, in dem die Wortwechsel schärfer schneiden als die Schwerter der ungarischen Ritter im Kampf gegen die Türken. Doch leider suhlt sich Regisseurin Delpy dann zu sehr in der Legende von der Blutgräfin Bathory, und das erstickt die vielversprechenden Ansätze.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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