Berlinale
Katalin Varga: Die Bilder des Bösen

Vielleicht ist Katalin Varga nicht der beste Film im Wettbewerb der Berlinale. Sicher ist er nicht der angenehmste oder der am leichtesten zu konsumierende. Aber ohne Zweifel ist er der verstörendste und schon deshalb besonders sehenswert.

BERLIN. Wäre er ein Roman oder eine Kurzgeschichte, hätte Paul Bowles sie geschrieben: Eine dieser Short Stories, in denen die Hauptperson in ihr Verderben rennt und wir, die Leser, es absehen, aber nicht verhindern können. Das Böse baut sich auf, ballt sich zusammen, ist fast schon sichtbar - und trotzdem geht die Hauptperson mitten hinein. In der Schlüsselszene verharrt Katalin - facettenreich und überzeugend gespielt von Hilda Péter - auf ihrem Pferdewagen mit dem Sohn an der Seite, in der Ferne zeichnet sich das Dorf ab, in dem sich vollziehen wird, was ihr Schicksal besiegelt. Sie zögert, aber kehrt nicht um sondern fährt gerade darauf zu.

Verstörend ist Katalin Varga aber auch wegen seiner Bilder. Wir sind nicht mehr an diese Art Bilder gewöhnt, unsere Augen sind abgestumpft von den starken Reizen der Junk Movies wie die Geschmackspapillen von Junk Food, doch schon nach ein paar Minuten ist man hingerissen von diesen Aufnahmen, die mal sorgsam komponiert sind wie ein klassisches Stilleben, jeder Farbton, jeder Lichteinfall so stimmig, dass man sie festhalten will. Mal zerfließen sie in einem Wirbel, der alle Konturen verschlingt. Regisseur Peter Strickland und sein Kameramann Mark Györi zeigen uns die Karpaten, unsere nahe Fremde, die uns so viel ferner ist als das tausende von Meilen entfernte Monument Valley oder der Grand Canyon. Letztere kennen wir, sie sind Teil unserer Grundausstattung mit visuellen Eindrücken, doch diese wunderschöne europäische Landschaft ist uns unendlich fremd. Vielleicht liegt es auch daran, dass Strickland und Györi sie als heile Welt zeigen, mit von Bienen surrenden Blumenwiesen, auf denen man sich sogleich ausstrecken möchte, doch eben diese Kinderlandschaft im Handumdrehen umkippen lassen in ein Inbild der Bedrohung.

Verstörend ist Katalin Varga nicht zuletzt, weil das Thema schon dutzendfach behandelt wurde: Muss man, will man noch einmal einen Film über eine Vergewaltigung und die Rache des Opfers an den Tätern sehen, samt der Moral, dass Böses und Rache immer nur Böses hecken, aber keine Lösung bringen? Die einfache Antwort ist: Ja, denn schließlich gibt es ja auch noch Vergewaltiger. Die komplexere, dem Film gemäße ist: Ja, weil dies gerade nicht einfach die Geschichte einer Vergewaltigung ist, sondern der verzweifelte Versuch einer in die Enge getriebenen Frau, ihr Leben, ihre Familie zu retten, indem sie endlich den Fluch bricht, der seit Jahren auf ihr lastet. Doch genau dieser Versuch wird ihr zum Verhängnis.

Irritierend an Katalin Varga ist schließlich, dass er uns leicht in die Irre führen kann - eine dunkle Rachegeschichte in einer vorindustriellen Gesellschaft - aber doch mit kleinen Details diese beruhigende Ausflucht verstellt: dafür reicht ihm manchmal eine Szene, die ein Telefonat mit dem Handy zeigt. Wir verstehen, dass der Schrecken, der sich in diesem Film ausbreitet, sehr gegenwärtig ist, sich weder hinter die Karpaten noch in ein anderes Jahrhundert verbannen lässt. Katalin Varga wird den Goldenen Bären nicht bekommen. Egal: Er ist einer der Filme, an die man sich auch geraume Zeit später noch erinnert.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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