Berlinale
Starke Frauen und kungelnde Männer

Eigentlich braucht es ja nicht viel für einen guten Film: ein attraktives Thema, ein stimmiges Drehbuch, einen passionierten Regisseur und überzeugende Schauspieler. Weil aber eben doch meist zumindest eine der Voraussetzungen fehlt, ist es so ein Glücksfall, wenn alles zusammenkommt - wie bei "Storm" von Hans-Christian Schmid.

BERLIN. Ein sperriger, nur allzu leicht trocken wirkender Stoff, nämlich das UN-Kriegsverbrechertribunal für Jugoslawien, ist hier zu einem Politdrama verarbeitet, das bis zur letzten Minute fesselt. Schmid gelingt das Kunststück, die Suche nach Gerechtigkeit mit der Spannung zu inszenieren, die dem Thema innewohnt, wenn man es nicht als bloße Ganovenjagd abhandelt.

Deshalb geht es im Film zwar vordergründig um die Frage, ob einem serbischen Schlächter aus Bosnien der Prozess gemacht wird, der seine zweite Karriere als ehrbarer Politiker und Nationalheld vorbereitet. Kann er seine Opfer ein zweites Mal demütigen? Parallel dazu konfrontiert uns Schmid aber mit der Entscheidung zwischen der Aufarbeitung der Vergangenheit durch Bestrafung der Schuldigen und dem europäischen Interesse an politischer Ruhe auf dem Balkan. Mit hinein spielt die makabre Rolle der Uno, die dem Tribunal aus finanziellen Gründen den Saft abdreht: Der Strafverfolgung geht das Geld aus.

Den Konflikt personalisieren auf der einen Seite zwei starke Frauen, vor allem die ältere, in der Mühle des internationalen Strafrechts hart gewordene Anklägerin (glänzend gespielt von Kerry Fox) sowie die Hauptzeugin (zurückhaltend und deshalb überzeugend dargestellt von Anamaria Marinca), die lange vor ihrem eigenen Moment der Wahrheit davon gelaufen ist. Auf anderen Seite finden sich die Männer, die viele Argumente einer Realpolitik auf ihrer Seite haben, die sich nur zu gut mit ihren persönlichen Interessen verbindet.

Die unverändert lauernde Bedrohung durch Handlanger der serbischen Kriegsherren ist dabei eine Realität, die bei den Männern nicht ankommt, die beiden Frauen umso härter trifft. Sie verleiht dem Film ein Maß an Spannung, das völlig ohne Spezialeffekte und spektakuläre Schusswechsel auskommt aber stärker unter die Haut geht als bei vielen Thrillern.

Die bewundernswerte Leistung von Schmid und seinen Darstellern ist, dass sie dem emotional hoch aufgeladenen Thema von Schuld und Sühne in keinem Moment eine billige Note von Held gegen Schurke geben. So ist ein Film auf höchstem Niveau entstanden, dem es am Ende um die Frage geht, ob die Gerechtigkeit noch eine Chance hat in einem Rechtssystem, das politisch instrumentalisiert und finanziell stranguliert wird - und welchen Einfluss der Einzelne dabei hat. Einen Bären für diesen Sturm!

Killerjagd im sanften Tempo der Südstaaten

Tommy Lee Jones in einer Hauptrolle zu sehen lohnt sich allemal. In diesem Fall erst recht. Denn in Bertrand Taverniers "In the electric mist" erhält er den Spielraum, den man ihm in "No country for old men" gegönnt hätte. Jones ist der faltige, gegen seine Alkoholsucht wie gegen die zunehmende Verluderung seiner Heimat Louisiana ankämpfende Detective Robicheaux, der eine ganz persönliche und strikte Vorstellung von Law Enforcement hat. Gegner, die ihn unterschätzen, müssen das bitter bereuen. Sünder und Übeltäter, für die er Verständnis hat, verschont er vor der Härte des Gesetzes, die vor allem in der explosionsartig auftretenden Schlagkraft seiner Fäuste besteht.

Das sanft dahinplätschernde Leben am Bayou stört ein Serienmörder. Viele direkt oder indirekt Beteiligte verstehen zu ihrem Schaden nicht, dass Robicheaux an diesem Punkt überhaupt keine Lust hat, fünfe gerade sein zu lassen. Auch sein früherer Freund Babyfeet (John Goodman), inzwischen verfettet, verhurt und mafiös, sieht das nicht.

Jones macht sich mit seiner eigenen Methoden und nur der Intuition folgend auf die Jagd nach dem oder den Tätern. Allzu schnell geht das nicht, wir sind in den Südstaaten, die Vergangenheit ist sehr präsent, bis hin zur Person eines Generals der Konföderierten, und erzwingt so manche Rücksichtnahme. Wer heute nicht reden will, wird es vielleicht in einer Woche tun. Tavernier gönnt seinem Film den langsam rollenden Rhythmus der Südstaatenmusik.

Doch so leger und entspannt vieles auch erscheinen mag: Robicheaux lässt sich nicht von der Fährte abbringen. "Kennen Sie überhaupt keine Gnade, Detetctive?" fragt einer der Schuldigen am Ende. "Nein, keine Gnade" knarzt Jones zurück. Man hätte ihm gerne noch länger zugesehen - und der großartigen Musik gelauscht. Ein Film, den man seiner kaum zu synchronisierenden Dialoge wegen unbedingt in Originalfassung sehen sollte.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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