Berliner Galerien
Weltschmerz in Sekundenbildern

Die Galerien Berlins fahren zum Saisonstart ein geradezu überwältigendes Programm auf. Das Spektrum reicht von den magischen Lichtarbeiten Dan Flavins bis zu jüngsten Bildern der ungebärdigen New Yorker Malerin Cecily Brown. Unser Korrespondent Christian Herchenröder hat das Angebot mit kritischem Blick unter die Lupe genommen.

BerlinDie Berliner Vernissagen rund um die Messe abc haben sich entzerrt. Die meisten Ausstellungen wurden vorher eröffnet. Das gilt auch für Häuser in privater Trägerschaft. Das Haus am Waldsee dokumentiert mit einer Alicja Kwade-Schau Verbundenheit mit der Galerie Johann König. Der Schinkel-Pavillon lockt mit Körperkunst von Paul McCarthy. Der Künstler hat in der Volksbühne eine begehbare Installation mit Großleinwänden aufgebaut, deren vierstündiges Porno- und Gewalt-Programm sich schon nach einer halben Stunde abnutzt. Von Cindy Sherman, die in einer fünf Künstlerinnen gewidmeten Herbstschau der Galerie Sprüth/Magers vertreten ist, werden im „Me Collectors Room“ rund 60 Werke der Sammlung Olbricht gezeigt. Die Marktrelevanz dieser Veranstaltungen ist unbestritten.

Als eine der ersten startete die Galerie Kewenig am 4. September 2015 eine Einzelschau mit neuen Arbeiten des irisch-amerikanischen Malers Sean Scully. Es sind Alterswerke von bezwingender Kraft, in denen übermalte Farbschichten noch rudimentär durchschimmern und das fertige Bild den Malprozess erkennen lässt.

Bilder vom Meer

Mediterrane Farben bestimmen jetzt die Palette, die in frühen Werken von erdigem Braun, Grau und Schwarz geprägt war. Horizontale Blaufelder evozieren Himmel und Meer. Die mehrteiligen Ölbilder lassen Farbabstufungen erkennen, wie sie nur Nass in Nass-Malerei hervorbringen kann. In den Pastellen sublimiert die samtige Struktur des Farbauftrags das Licht. Die Preise entsprechen den Auktionsnotierungen. Sie liegen bei 150.000 bis 1,6 Millionen Euro, die dem größten, vierteiligen Bild der Ausstellung gelten. (Bis 7.10.2015)

Fünf Lichtskulpturen des 1996 verstorbenen amerikanischen Minimalisten Dan Flavin tauchen die abgedunkelte Galerie Bastian in plastisch flutende Lichtzonen, die aus der Interaktion von Licht und Farbe leben. Schon zu Lebzeiten des Künstlers, der ab 1963 seine Werke ausschließlich aus handelsüblichen Leuchtstoffröhren schuf, wurde bestimmten Arbeiten eine religiös-spirituelle Wirkung zugeschrieben, die sich jetzt an einer ultraviolett und gelb fluoreszierenden Eckinstallation von 1992 nachvollziehen lässt. Ihrem vertikalen Lichtsog kann man sich kaum entziehen. Im Kontrast dazu strahlt die 1989 zum 30. Geburtstag der New Yorker Galerie Leo Castelli geschaffene Skulptur, in der fünffarbige Röhren ein Wandgitter bilden, eine Abstand fordernde Dynamik aus. (Bis 31.1.2016)

Glieder, die aus Farbe wachsen

Im selben Haus am Kupfergraben zeigt die Galerie Contemporary Fine Arts ihre vierte Einzelausstellung mit Gemälden der britischen New Yorkerin Cecily Brown, die nach eigenem Bekunden jeweils das Beste aus Figuration und Abstraktion mischt. Die neuen Bilder wirken auf den ersten Blick noch kompakter, noch dichter als ihre früheren Werke, in denen Körper sich mit ungegenständlichen Bildpartien verschränken. Es sind dicht bemalte Bilder, die ihre Inspiration aus der Kunstgeschichte von Bosch bis de Kooning und aus der Pop-Kultur beziehen.

Mal erscheint eine wie von Max Beckmann entlehnte Rückenfigur in einer von verschwimmenden Köpfen gerahmten Komposition („Torch“); mal wachsen aus ungebärdigem Farbduktus Glieder, die den Werktitel zumindest rudimentär beglaubigen („The Triumph of Virtue“). In zwei monumentalen Querformaten erscheint die Figuration durch vagabundierende Farbschwünge verdrängt oder geradezu ausgelöscht. Im Mai 2015 hat ein erotisches Großformat der Künstlerin bei Sotheby's 1,1 Millionen Dollar eingespielt, die Preise bei CFA gehen bis 850.000 Euro. (Bis 26.9.)

Konglomerat mit e4Bay-Fotos

Die Galerie Konrad Fischer, die in Düsseldorf farbige Wandzeichnungen des Minimal-Protagonisten Sol LeWitt (1928-2007) zeigt, hat an ihrem Berliner Standort schwarzweiße Zeichnungen mit einer 1989 entstandenen Skulptur und Wandarbeiten des Künstlers kombiniert. Die Ausführung der „Wall Drawings“, die nach dem Willen des Künstlers visuell mit ihrer Wandfläche verschmelzen, überließ LeWitt anderen, was seine Autorschaft nicht in Frage stellt, aber die individuelle Handschrift obsolet erscheinen lässt. In Berlin haben sechs vom Nachlass eingesetzte Maler die Arbeiten in wochenlanger Arbeit maßstabgerecht von projizierten Zeichnungen auf die Wand getupft

(20.000 bis 450.000 Dollar. Bis zum 31.10.).

Im ersten Stockwerk der umgebauten Kirche St. Agnes hat die Pariser Künstlerin Camille Henrot unter dem Titel „The Pale Fox“ ein Archiv dicht arrangierter Fundstücke und Eigenarbeiten so arrangiert, dass diese Materialsammlung ein distanziertes Gefühl der Übersättigung bewirkt. Das Konglomerat der Skulpturen, eBay-Fotos, Bücher, Zeitungen und Zeichnungen wird nicht zum Ereignis. Was bleibt, ist ein großes Fragezeichen, der Eindruck eines gestylten Objektfetischismus, der das disparate Ensemble eher als subjektive Datenbank denn als Kritik an einer durch das Internet geförderten Informationsflut ausweist (bis 1.10.). In der Kapelle sind neue Bilder von Matthias Weischer ausgestellt, in denen der Leipziger Maler stark in die Raumtiefe geht (bis 24.10.).

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Weltschmerz in Sekundenbildern

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Trauerarbeit um die Sammlung Lange

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