Berliner Philharmonie
Noch kein Rattle-Nachfolger in Sicht

Stundenlange Diskussionen hinter verschlossenen Türen: Die Wahl eines neuen Chefdirigenten hat sich für die Berliner Philharmoniker am Montag zu einer nervenzehrenden Hängepartie entwickelt.
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BerlinImmer wieder musste eine Orchestersprecherin die Journalisten vor der Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem auf einen späteren Verkündungstermin vertrösten. Auch nach bald zehnstündigen Beratungen stand am Abend nicht fest, wer 2018 Nachfolger von Sir Simon Rattle werden soll.

Auch wenn nichts nach außen drang: Die Verzögerung deutet auf tiefe Meinungsverschiedenheiten und einen Richtungsstreit unter den 124 Musikern in der Orchesterversammlung hin. Nicht ausgeschlossen ist auch, dass ein von den Philharmonikern angesprochener Gewinner in letzter Minute das Angebot abgelehnt hat. Ob jung oder etwas gesetzter, energisch oder bedächtig, ein Hansdampf oder ein Maestro in Ehren – in den vergangenen Wochen waren alle möglichen Kandidaten für den wohl begehrtesten Job in der Klassikwelt ins Spiel gekommen.

Von Gustavo Dudamel, dem Jungstar aus Venezuela, Christian Thielemann, dem einstigen Karajan-Assistenten und Orchesterchef bei der Staatskapelle Dresden, Andris Nelsons, dem lettischen Senkrechtstarter beim Boston Symphony Orchestra bis hin zu Daniel Barenboim – wessen Name am Ende für die Position feststeht, das wird auch Auskunft darüber geben, wie sich das Elite-Orchester weiterentwickeln wird.

Eine starke Strömung, vor allem unter den Streichern, favorisiert Thielemann. Der gebürtige Berliner gilt als Konservativer mit einem deutlichen Hang zum spätromantischen deutschen Repertoire und zu Komponisten wie Richard Wagner, Johannes Brahms und Richard Strauss. Ob Thielemann sich auch dem Bildungsprogramm für junge Menschen widmet, wie Rattle, dürfte fraglich sein. Viele mögen auch Thielemanns politische Haltung nicht, etwa sein jüngst geäußertes Verständnis für Pegida.

Der 36-jährige Nelsons, der auch immer wieder als Favorit genannt wurde, Chef des Boston Symphony Orchestra, gilt als experimentierfreudiger Erneuerer. Doch zu diffus sind bisher seine musikalischen Vorstellungen. Ein Dilemma ist, dass es zwar eine ganze Riege junger Dirigenten gibt, Kandidaten im mittleren Jahrgängen aber eher dünn gesät sind. Dazu zählt Riccardo Chailly (62), Chef im Leipziger Gewandhaus und an der Mailänder Scala.

Auf Twitter wurde #berlinerphilharmoniker am Montag zu einem der Trends des Tages. Viele amüsierten sich über das lange Warten und brachten Namen von Fußballtrainer Jürgen Klopp bis GDL-Chef Claus Weselsky ins Spiel. „Karajan, steige herab!“, twitterte ein Nutzer.

Zu den wartenden Journalisten vor der Kirche gesellten sich am Montagabend auch Nachbarn, viele von ihnen Musikfreunde und Fans des Orchesters. Einige erinnerten an ihr letztes Erlebnis in der Philharmonie, fachsimpelten und sprachen sich für oder gegen diesen oder jenen Kandidaten aus. Die Philharmoniker selbst suchten hinter den Backsteinmauern derweil nach dem richtigen Namen.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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