Bernard-Henri Lévy
Der große Schwindel

Gerade ist Frankreichs medienwirksamster Intellektueller von einer Reise im Dienste der Menschenrechte aus Darfur zurückgekehrt. Nun stellt er auf der Leipziger Buchmesse die deutsche Version seines aktuellen Werks vor: „American Vertigo“ – Bernard-Henri Lévy auf der Suche nach der Seele Amerikas.

LEIPZIG. Mit seinem bis zum Bauchnabel aufgeknöpften Hemd und dem wallenden Haar erinnert Frankreichs medienwirksamster Intellektueller eher an David Hasselhoff als an einen Philosophen. Sitzt man ihm im Interview gegenüber, kann man durchaus nachvollziehen, dass viele Franzosen mittlerweile von Bernard-Henri Lévy mehr als genervt sind. Immerhin nimmt er die schwarze Sonnenbrille ab.

BHL („Bee-Asch-Äl“), so wird Bernard-Henri Lévy in seiner Heimat oft genannt, ist gerade von einer Reise im Dienste der Menschenrechte aus Darfur zurückgekehrt und stellt nun auf der Leipziger Buchmesse die deutsche Version seines aktuellen Werks vor. „American Vertigo“ ist eine Aneinanderreihung seiner Beobachtungen und Begegnungen auf einer fast einjährigen Tour durch die Vereinigten Staaten. Das amerikanische Magazin „Atlantic Monthly“ hatte ihn dazu eingeladen, historisches Vorbild sollten Alexis de Tocqueville und sein „De la démocratie en Amérique“ (1835/40) sein. Immerhin dürfte also einer der positiven Nebeneffekte des Buches sein, dass man daran erinnert wird, sich wieder mit Tocquevilles zeitlosem Werk zu befassen.

Dass sich Lévy als philosophisch-politischer Schriftsteller für würdig hält, in die Fußstapfen des Begründers der vergleichenden Politikwissenschaft zu treten, ist nicht überraschend. BHL mangelt es bekanntlich nicht an Selbstbewusstsein, das sich aus seiner Position als Lichtgestalt der Fernseh-Intellektuellen speist. Der Mann kann in medienwirksamen Worten die Welt erklären – „George Bush ist ein Unfall der Geschichte“ – und das Böse in ihr anprangern. Im Falle des aktuellen Buches ist das der Antiamerikanismus, der Hass auf Amerika als solches, entstanden aus „dem Kult der organischen Nation“. Amerika, so doziert er, sei der Gegenentwurf dazu, der „Beweis, dass man eine Nation schaffen kann mit Schwarzen und Weißen, mit Juden und Christen, mit Hispanics, mit Menschen, die noch nicht einmal dieselbe Sprache sprechen, wenn sie ankommen, die keine gemeinsame Erinnerung haben“.

Auf der Suche nach Amerikas „Seele“ ließ sich BHL von einem Chauffeur durch das Land kutschieren. Was er dabei erlebte und sich dazu dachte, berichtet er auf 259 von 372 Seiten – eine kleine Auswahl: eine Megakirche, ein antisemitischer Indianerhäuptling, ein steriler Puff, Barack Obama, Guantanamo. Von einer Seele der „Rousseauschen Nation par excellence“ (BHL über USA) ist dabei nicht viel zu erkennen. Es sind vielmehr die allzu nahe liegenden Assoziationen, die jedem Kinogänger, Popmusikhörer und Tagesschauseher beim Wort „Amerika“ sofort kommen. Ja, in Graceland war er natürlich auch. Ein vielleicht unfreiwilliger Höhepunkt ist sein Gespräch mit der Schauspielerin Sharon Stone. Deren oberflächlich-gutmenschlichem Schwadronieren gegen Bush widmet er drei Seiten und adelt es durch seine Zustimmung als „Pinselstrich am Porträt des kleinen Mannes, des nie erwachsen gewordenen Kindes“. Das Kind ist Bush wohlgemerkt. Das ist so ähnlich, als ob der Amerikaner Noam Chomsky ein Buch über Deutschland schriebe, in dem Heiner Lauterbach die Psychologie der Angela Merkel erklärt.

Lévys titelgebende These vom Schwindelgefühl (Vertigo) als „Metapher der Identitätskrise, die Amerika heute durchmacht“, ist wenig erhellend. Auch wenn er sie im Interview gönnerhaft erläutert: „Es weiß nicht mehr genau, wer es ist, wo es hingeht. Es weiß nicht mehr, was es hoffen darf, es weiß nicht mehr genau, wo es herkommt.“ Nun gut, ja, aber kann man das nicht über jede moderne Nation sagen, ist das nicht das Problem der Moderne schlechthin?

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