Bestseller über die Camorra
Manager des Verbrechens

Makabre Aktualität: Nach den Morden von Duisburg erscheint an diesem Samstag Roberto Savianos Bestseller über die Camorra auf Deutsch. Rund 800 000 Mal wurde das Buch in Italien verkauft. In Italien ist Saviano eine Berühmtheit – und lebt im Verborgenen. Irgendwo in der Hauptstadt der Camorra, wo der Staat keinen Schutz garantieren kann.

BERLIN. Mitten in Europa vermessen Menschen ihr Dasein nicht anhand des Kalenders, sondern der Zahl der Ermordeten. „Seit ich lebe, hat die Camorra 3600 Menschen ermordet, mehr als die Cosa Nostra in Sizilien, mehr als die Eta in Spanien und die IRA in Nordirland zusammen, mehr als die russische Mafia“, bilanziert der Neapolitaner Roberto Saviano. Als er diese Rechnung in seinem Camorra-Buch „Gomorra“ veröffentlichte, war er 27 Jahre alt. Ein Jahr später, da das Buch auf Deutsch erscheint, ist er in Italien eine Berühmtheit – und lebt im Verborgenen.

„Um mich herum ist Einsamkeit“, schildert er eine Folge seines Bestsellers, der 800 000-mal verkauft wurde und Italien vor Augen hält, dass nicht Siziliens Mafia, sondern die Camorra der Staatsfeind Nr. 1 ist – wenn sie denn Feind ist und nicht der verlängerte, illegale Arm der Repubblica Italia. Denn was Saviano farbig und detailreich in einer großen Reportage erzählt von seinen Erlebnissen mit chinesischen Triaden im Hafen von Neapel, mit Camorristen im Baugewerbe und denen in der Textil- und Müllbranche, hat einen Nenner: die Angleichung der legalen und illegalen Wirtschaft. So konkretisiert er Hans Magnus Enzensbergers Befund (in „Politik und Verbrechen“): „Die Struktur solcher Verbrechergesellschaften bildet treulich jene legalen Herrschaftsformen ab, deren Rivalen und Konkurrenten sie sind.“ Dem Handelsblatt sagt Saviano: „Die kriminelle Wirtschaft ist die Avantgarde der Globalisierung.“

Was in Deutschland Staunen auslöst, lässt in Italien kaum die Achseln zucken. Es ist die verbreitete Mentalität des „ Jeder wie er kann!“, die der Kern der blutigen Geschichte ist. Die Manager des Verbrechens reüssierten nicht so ekelerregend, würde der Staat sie im Bausektor nicht mit Milliardenaufträgen mästen; sie wären nicht auf der Höhe der Zeit, ließe nicht das „saubere“ Norditalien seinen Müll und Sondermüll im Süden – zu irrealen Dumpingpreisen – vergraben. Sie hätten kein so hohes Ansehen, würden die nobelsten Modehäuser nicht skrupellos auf das schlecht bezahlteste Prekariat Europas zurückgreifen. Die Malavita besäße also nicht solche Macht, könnte ein sich modern dünkender Staat wenigstens das Legalitätsprinzip und auch Rechtssicherheit garantieren.

Doch da sind andere vor. „Ein Geschäftsmann kann in Neapel heute über die Camorra ein ganzes Paket an Leistungen erhalten: zuverlässige Firmen für Umbauten, günstige Versicherungen, die Garantie, dass seine Waren pünktlich geliefert werden, sein Laden von Raubzügen des organisierten Verbrechens verschont bleibt – vor allem: Kredite“, heißt es in „Gomorrha“. Ohne diese würden 30 Prozent der nationalen Wirtschaft einstürzen, schätzt Saviano. Solche Dienstleistungen nobilitieren die organisierte Kriminalität zum sozialen, vor allem aber mythischen Grundbestand der italienischen Wirklichkeit, machen sie zur „ehrenwerten“ Gesellschaft auch für viele Jungen, die keine Chance auf legale Arbeit haben. „Auch für sie geht es darum, Macht zu besitzen über Leben und Tod. Das erreicht nur, wer sein Leben aufs Spiel setzt. Die Jungen sind die Kamikazekrieger des Westens“, sagt Saviano.

Er schreibt: „Alle Details des Buches kennt jeder Polizeireporter Neapels.“ Dennoch wurde just sein Buch zur publizistischen Bombe in Italien. Zum ersten Mal bleibt das Wissen nicht stumm, wird die Wahrheit konkret. „Die Camorra war Teil meines Lebens, und so trage ich dieses Buch mein ganzes Leben lang schon in mir“, erzählt er. Saviano nennt in seiner Reportage voller narrativer und essayistischer Einschübe Ross und Reiter, schützt sich und die Bosse nicht durch Anonymisierungen, missbraucht die Opfer deshalb nicht qua Anonymität als obskure Staffage eines Mafia-Reißers. Vielmehr schenkt er ihnen seine Stimme.

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