Bettina Flitner: Sondierung in ehemaligem DDR-Musterdorf

Bettina Flitner
Am sechsten Tag im Bordell

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Sondierung in ehemaligem DDR-Musterdorf

Im ehemaligen sozialistischen DDR-Musterdorf Mestlin schaffte es Flitner 2013, bei den Einwohnern verdrängte Erinnerungen an die Zeit vor der Wende hervorzuholen, sie zu verarbeiten und einzuordnen. Zugleich stellte sie fest, dass die Jugend völlig absurde Vorstellungen vom Leben dieser Zeit entwickelt hatte, weil ihnen niemand erzählt hatte, wie es wirklich war. „Die hatten andere Klamotten, andere Musik. Die haben auf engstem Raum gewohnt. Und mussten sogar ihre Haare selber schneiden“, mutmaßte die dort porträtierte 13-jährige Schülerin Alina auf Nachfrage der Fotografin.

Zehn Fotoserien sind in der Horbach-Stiftung zu besichtigen, darunter auch die wie Mestlin in Farbe fotografierte Reportage „Ich bin stolz, ein Rechter zu sein“ (2001), die mit dem „Preis für politische Fotografie“ ausgezeichnet wurde. Die Arbeit, die auch auf der Art Cologne 2001 kontrovers diskutiert wurde, nimmt in der Horbach Stiftung eine ganze Wand ein: zuoberst eine 15-teilige Reihe frontal aufgenommener Gesichter von Jugendlichen, darunter jeweils das ganzfigurige Porträt, das auch etwas von der Umgebung zeigt, und ein Statement. „Eigentlich finde ich ja die Love-Parade gut, da feiern alle zusammen, Deutsche und Ausländer, Linke und Rechte“, steht da unter der Aufnahme des 18-jährigen arbeitslosen André.“ Aber heutzutage muss man sich ’ner Guppe anschließen, sonst kriegt man von allen einen reingezwiebelt.“

Im Einsatz für "Emma"

Ausgebildet wurde Flitner, Jahrgang 1961, als Filmcutterin beim Westdeutschen Rundfunk und als Regisseurin an der Film- und Fernsehakademie Berlin. Seit 1989 arbeitet sie als freie Filmemacherin und Fotografin, vor allem für die Zeitschrift "Emma" und andere Magazine. Ausbaufähig ist ihre Präsenz auf dem Kunstmarkt. Seit 1990 gibt es vereinzelte Ausstellungen in diversen Galerien, aber keine ernst zu nehmende Vertretung. 2010 und 2012 hatte sie Ausstellungen bei Zellermayer in Berlin , 2007 bei Holtmann in Köln . Dort kosten kleine Formate (60 x 70 cm) in 5er-Auflage ab 1.800 Euro und größere in 90 x 120 cm ab 3.200 Euro (Auflage 3). Den Zyklus „Reportagen im Niemandsland“ bietet Zellermayer komplett als Barytabzug in 40 x 50 cm für 20.000 Euro an, einzeln für 690 Euro (Auflage 20).

Bettina Flitner fühlt sich in die Menschen ein, die sie porträtiert, aber sie bewertet sie nicht. So gelingt es ihr, in Milieus zu fotografieren, die sich gewöhnlich abschotten. Für den Stern quartierte sich die unerschrockene Fotografin 2013 im Stuttgarter Groß-Bordell „Paradise“ ein, um Freier zu fotografieren. Zunächst sah es nicht so aus, als ob sie Erfolg haben würde. Doch am sechsten Tag sieht man sie auf einem Selbstporträt neben einem freundlich in die Kamera blickenden, nackten Mann sitzen. Ihr etwas angespanntes Gesicht zeugt davon, dass dieses Projekt nicht einfach war. Eine der Prostituierten, die sie im Folgejahr für eine Serie porträtierte, gibt zu Protokoll: „Mein Traum für die Zukunft? Ich hab’ keinen.“

„Bettina Flitner – Face to Face“, bis 21. April 2015, Kunsträume Michael Horbach Stiftung, Köln, So. 11 bis 14 Uhr, Mi. und Fr. 15:30 bis 18:30 Uhr

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