Beutekunst-Kisten geöffnet
Russland zeigt Merowinger-Schätze

Bei der deutsch-russischen Merowinger-Ausstellung in Moskau kommt es auf das Kleingedruckte an. Ein winziges Sternchen auf den Erläuterungstafeln steht für „MVF Berlin, bis 1945“. Die so gekennzeichneten Schmuckstücke, Kreuze oder Schwerter stammen aus dem Museum für Vor- und Frühgeschichte in Berlin.

MOSKAU. Diese Schätze lagern seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs als Beutekunst in den Geheimdepots russischer Museen. Ein Gesetz hat sie zu russischem Eigentum erklärt. Die am Montag eröffnete Ausstellung im Moskauer Puschkin-Kunstmuseum zeigt die frühmittelalterliche Welt der Merowinger vom 5. bis 8. Jahrhundert als ein „Europa ohne Grenzen“. Doch um die Schau zu Stande zu bringen, mussten viele Grenzen überwunden werden in einem kulturpolitischen Kraftakt zwischen Deutschland und Russland.

„Das ist eine veränderte Qualität der Zusammenarbeit“, schwärmt der deutsche Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU). Vieles an der Schau verdient das Prädikat „neu“. 62 Jahre nach Kriegsende haben das Puschkin-Museum und das Historische Museum in Moskau sowie die Eremitage in St. Petersburg erstmals ihre Kisten mit Berliner Beutekunst aus dem frühen Mittelalter geöffnet. Zum ersten Mal wird in einer russischen Ausstellung die deutsche Herkunft der Objekte angezeigt - mit Hilfe der winzigen Sternchen.

Die Russen akzeptierten auch, dass die deutsche Seite in dem Katalog ihre Rechtsposition darlegt, warum die Kulturgüter eigentlich zurückgegeben werden müssen. Erstmals hat das Museum für Vor- und Frühgeschichte Berlin eine Ausstellung seiner verlorenen Sammlung durch Leihgaben seiner heutigen Bestände ergänzt.

In gläsernen Vitrinen scheinen die kleinen Kostbarkeiten aus Gold, Bronze, Glas oder Edelsteinen zu schweben. Die meisten wurden als Grabbeigaben gefunden. Sie erzählen von den „dunklen Jahrhunderten“, als die germanischen Stämme das spätantike Römische Reich zerstörten und neue Staaten gründeten, als von Osten her das Reitervolk der Hunnen nach Europa anstürmte.

Heidnische Raubvogelsymbole und erste christliche Kreuze gehören gemeinsam in die Epoche der Merowinger. „Wir haben erstmals Europa vom Ural bis an den Atlantik, von der Ostsee bis an das Schwarze Meer als einen Kulturraum begriffen“, sagt Klaus-Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Die Museumsfachleute haben viel Herzblut in die Ausstellung gesteckt. Sie stellten die komplizierten Eigentumsfragen hintenan, um ihre Kleinodien überhaupt zeigen zu können. Der Erkenntniswert archäologischer Funde liege nicht im Einzelobjekt, sondern in ihrer Beziehung zueinander, erläutert Lehmann. Manche Funde aus einer Ausgrabungsstätte wurden durch den Zweiten Weltkrieg auf Museen in zwei Ländern verteilt. Die Schau überwinde die „absurde“ Zerrissenheit für eine kurze Zeit.

„Aber dann werden die Sammlungen wieder auseinander fallen“, sagt er schon bei der Eröffnung wehmütig. Immerhin sollen die Merowinger-Funde nach der Sonderausstellung nicht wieder im Depot verschwinden. Irina Antonowa, die Direktorin des Puschkin-Museums und Hüterin der größten Beutekunst-Schätze, verspricht: „Die Exponate werden genauso ständig gezeigt werden wie das Schliemann-Gold.“ Und auch Kulturstaatsminister Neumann hofft, dass „die Politik des Wegschließens und Geheimhaltens“ von Beutekunst überwunden sei.

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