Bevor es zu den Großgesprächen kommt: Nie war der Small Talk so wichtig wie heute
Plauder mit mir!

Der Mensch verbringt vier- oder fünfmal mehr Zeit mit leichten Gesprächen als mit dem schweren Wortwechsel, der zu Entscheidungen, Kompromissen, Verträgen oder Kriegserklärungen führt - also zu vermeintlich Bedeutsamem. Mit lockerer Konversation macht der Mensch sich auf das Harte, Verbindliche, Unglaubliche und Unberechenbare gefasst.

Stellen wir uns einen Augenblick Folgendes vor: Alle Historiker, Medienmenschen, Archivare und Dokumentare würden nicht mehr die hergebracht offizielle Kommunikation dieser Welt aufzeichnen. Nicht mehr all? die Aktennotizen, Protokolle, Memos, Papers und Non-Papers. Die Großgespräche und Riesenverhandlungen unserer aufgeregten Gegenwartstage. Sondern sie würden alltägliches Geplapper, das in Lobbys stattfindet, auf Fluren und in Fahrstühlen, festhalten. Den Small Talk von Soldaten in Gefechts- und den von Führungskräften in Führungspausen. Das weltweite Gequassel unter Bäumen und an Wasserstellen. Beim Fünf-Uhr-Tee. In Ehe- oder Lotterbetten.

Ein hundertmillionenfaches "Wie geht?s?" würden die Archivare des globalen Small Talks aufzeichnen, in Zehntausenden von Sprachen und Dialekten. Ebenso viele Antworten würden sie vorfinden, je nach Jammerlage in Abstufungen zwischen "Großartig!", "Geht so!" und "Frag? lieber nicht!"

Und dann würden die Archivare tausendfach variierte Themen notieren, bei denen es um das Wetter, die Kinder, die Ernährung, die Gesundheit, den Sport, die Politik und die Lottozahlen geht. Manchmal auch um das Fernsehen, die Frauen, die Männer. Um Faltencremes, Handicaps oder Öchslegrade.

Sie, die Archivare und Dokumentare, würden amtlich feststellen, was wir einfachen Zeitgenossen halbamtlich längst wissen: Wir verbringen vier- oder fünfmal mehr Zeit mit leichten Gesprächen als mit dem schweren Wortwechsel, der zu Entscheidungen, Kompromissen, Verträgen oder Kriegserklärungen führt - also zu vermeintlich Bedeutsamem.

Mit lockerer Konversation machen wir uns auf das Harte, Verbindliche, Unglaubliche und Unberechenbare gefasst. "Dr. Livingstone, I presume" - so leichthin begann ein Zusammentreffen zwischen Henry Morton Stanley und dem jahrelang verloren geglaubten Afrikaforscher David Livingstone. Die Bibel enthält Elemente des Small Talks ebenso wie die Gespräche des Sokrates. Die vermeintliche Leichtigkeit der Konversation durchzieht die besten Romane, bringt Spannung und Entspannung zugleich in die Textkörper. "Seine Konversation war reizend, wenn man auch mitunter nicht wusste, wie man?s nehmen sollte", so beschreibt Theodor Fontane einen Mr. Armstrong in "Irrungen, Wirrungen".

Vielleicht hat die Evolution den Small Talk überhaupt deswegen erfunden, um nicht jeden Big Talk in eine Schlägerei münden zu lassen. Kaum eine Redaktionskonferenz ginge ohne Raufhändel ab, keine Philatelistenvereinsversammlung und keine Koalitionsverhandlung ohne Blutvergießen, hätten wir die kulturanthroplogische Errungenschaft des Small Talks davor und danach nicht und seine friedenspfeifende Wirkungsmächtigkeit. "Hört von fern den falschen Ton, das ist die Kunst der Konversation", sang einst die Diseuse Daliah Lavi in "Lieben Sie Partys?"

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