Bewegende Biografien auf Kreuzfahrt
Karibisches Bingo

Auf den eleganten Kreuzfahrtschiffen, die zwischen Antigua, St. Lucia, Aruba und Curacao schippern, geht es meistens eher gemächlich zu. Das Durchschnittsalter der Karibik-Kreuzfahrer liegt zum Teil weit über 50 Jahre. Doch von Langeweile keine Spur, denn dort treffen sich immer Menschen mit bewegenden Biografien.

Lucien Dorra strahlt in die Runde. „Bingo“. Er gewinnt immer, sagt die ältere Dame neben ihm und legt freundschaftlich die Hand auf seinen Arm. Trotzdem verdreht sie leicht ärgerlich über das Glück des Nebenmannes die Augen. Mal wird um eine waagerechte, mal um eine senkrechte Zahlenfolge, dann wieder um ein Kreuz auf der fünf mal fünf Ziffern umfassenden Reihe gespielt. Am Ende gewinnt Lucien Dorra, jedenfalls meistens.

Draußen von der Reling eröffnet sich der Blick auf St. John’s, die Hauptstadt der Karibikinsel Antigua. Bunte Holzhäuser sind rund um den Pier gebaut, über das Stadtzentrum erhebt sich auf einem Hügel die St. John’s Cathedral, eine der beeindruckendsten anglikanischen Gotteshäuser der Karibik. Ihre Holzwände, die in Stein gerahmt sind, sollen angeblich jedem Erdbeben trotzen.

„Bingo gehört dazu“, sagt Lucien Dorra zwei Tage und zwei weitere Inseln der Kleinen Antillen später – aber diesmal scheint ihn die Glücksfee verlassen zu haben. Entrückt ruft eine blond aufgehellte Mittfünfzigerin „Bingo“ in die Runde.

Gerade erst ist Dorra von einer Katamaransegeltour rund um die idyllisch gelegene Insel St. Lucia zurückgekommen. „Es ist herrlich, von See aus eine Insel zu betrachten, die Unterschiedlichkeiten von allen möglichen Perspektiven aus wahrzunehmen“, schwärmt der 73-Jährige, der heute in der Nähe von Zürich lebt.

Fasziniert berichtet er von dem Blick, den er von Bord des Doppelrumpfseglers aus auf die berühmten Pitons, die zwei fast 800 Meter hohen Bergkuppen, von St. Lucia werfen konnte. Die dunkel bewaldeten Ebenförmigkeiten sind Wahrzeichen der Insel.

Drei Wochen auf hoher See mit der durch Film und Fernsehen bekannt gewordenen „Astor“ liegen auf seiner fünfmonatigen Weltreise hinter ihm. „Ich liebe das Meer“, sagt Dorra, der schon immer ein unruhiges Leben geführt hat.

Der kleine, glatzköpfige Mann mit dem schelmischen Lachen wurde 1933 in Alexandria geboren. „Aber die Nazis haben mir nichts anhaben können. Bis in die ägyptische Stadt sind sie zum Glück nicht gekommen.“ Dorra ist Jude. Jerusalemer Großrabbiner kommen aus der Familie väterlicherseits. Namhafte – Kantoren genannte – Vorsänger gehörten auch dazu. Seine Mutter hatte sephardische Vorfahren, die vor der Vertreibung der Juden 1492 aus Spanien in Toledo lebten.

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