Biennale/Goldener Löwe
Die Kunst der Kopie

Heute werden die "Goldenen Löwen" der Kunst-Biennale von Venedig vergeben. Die Amerikanerin Elaine Sturtevant und der Österreicher Franz West werden für ihr Lebenswerk geehrt. Beide haben unseren Begriff von Kunst erweitert.
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VenedigHeute wird die Künstlerin Elaine Sturtevant ausgezeichnet. Die in Paris lebende Amerikanerin (*1930) erhält den „Goldenen Löwen“ der Kunst-Biennale von Venedig für ihr wegweisendes Lebenswerk. Zu Recht. Das Besondere an ihrem künstlerischen Werk ist, dass es selbst der eingeweihte Kunstfreund kaum erkennt. Denn Sturtevant begann schon in den frühen sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts Werke von Pop Artisten wie Andy Warhol und Claes Oldenburg zu kopieren. Später folgten Joseph Beuys und viele andere. Mit den radikalen Fragen nach Autorschaft und Originalität ist Sturtevant Vorreiterin einer Diskussion, die erst in den 1980er-Jahren virulent wird. Die jüngere Kunstwissenschaft erforscht diesen Teil der Konzeptkunst (Ideenkunst) unter dem Begriff Aneignungskunst und Appropriation Art.

Kein Betrug

Sturtevant entwickelt sich aus einer Reihe von Gründen zu einer anerkannten Künstlerin, die sich ganz klar von banalen Kopisten und Betrügern unterscheidet. Sturtevants Kunst besteht zunächst darin, dass sie mit untrüglichem Gespür herausfindet, welche die wichtigsten Künstler der Zeit sind. Als sie 1964 Andy Warhol zu kopieren beginnt, ist er noch nicht der Kunstmarktstar, dessen Werke Millionen Dollar kosten. Warhol ist damals ein hoffnungsvolles Talent mit dem frischen Ansatz, den Alltag in die Kunst zu holen, das auch hätte scheitern können. Im zweiten Schritt denkt sich Sturtevant so gut in das Werk des zu kopierenden Kollegen ein, dass Anselm Kiefer sagt, er könne seine Arbeiten nicht von ihren unterscheiden. Der entscheidende Punkt, der die fotoscheue Künstlerin von Betrügern unterscheidet ist, dass sie die Erlaubnis des betroffenen Kollegen einholt. Warhol überlässt ihr sogar die Siebdrucksiebe seiner berühmten „Flowers“-Serie.

Korrekte Signatur

Joseph Beuys erkannte wie Anny Warhol sofort, dass die Aneignung durch Sturtevant seinem Ruhm mehr nützen als schaden konnte. Er gab seine Einwilligung zu Sturtevants Arbeit „Fettstuhl“, doch Beuys‘ Witwe zog die Erlaubnis zurück. Statt den Fettstuhl als Küchenstuhl mit einer schrägen Lage von Fett zu präsentieren, stellt die souveräne Künstlerin dann alle Zutaten zum Fettstuhl einzeln aus. Während der Betrüger Komposition und Unterschrift seines Vorbilds fälscht, signiert Sturtevant mit Ihrem Namen. Sturtevants Titel bestehen ganz klar aus dem Nachnamen des angeeigneten Künstlers und dem Titel des zu Grunde liegenden Werkes.

Weg vom Abbild

Sturtevants Replikate zielen weniger auf die Betrachtung von Kunst, als auf die Veränderung der Geisteshaltung des Betrachters. »Die brutale Wahrheit“  meines Werkes ist, „dass es keine Kopie ist“, sagt die Künstlerin. Ihr geht es um den Sprung von der Abbildung im Bild zum Konzept im Kopf des Künstlers wie des Betrachters. Die Bedeutung von Sturtevants Werk besteht darin, dass es nicht abbildet, sondern Fragen stellt. Braucht es immer einen bekannten Autor, um ein Kunstwerk schön zu finden? Muss ein Kunstwerk hundertprozentig vom Meister selbst geschaffen sein, damit wir es schätzen? Welchen Wert hat Originalität?

Seite 1:

Die Kunst der Kopie

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Skulpturen zum Anziehen

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