Biennale in Sao Paulo
Selbstbewusst lateinamerikanisch

Steigende Einkommen und sinkende Arbeitslosigkeit sorgen für einen Aufschwung der brasilianischen Kunstszene. Vor den Museen stehen die Menschen stundenlang an. Auch die Biennale in São Paulo gewinnt wieder an Bedeutung.
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Sao PauloWer in São Paulo Kunst sehen will, der muss Geduld haben fürs Schlangestehen. Zehn Jahre rapide steigende Einkommen, fast Vollbeschäftigung, ein starker Real - und der Kulturhunger der Brasilianer scheint nicht gesättigt werden zu können. Für die Impressionismus-Ausstellung des Kulturinstituts des Banco do Brasil standen Besucher im Schnitt vier Stunden an. Im Museum der Modernen Kunst lief gleichzeitig eine Caravaggio-Ausstellung. Die Schlange reichte während normaler Bürozeiten zwei Straßenblocks entlang.

Auch bei der 30. Biennale von São Paulo (bis 9. Dezember) war es nicht anders: Bei der Vor-Eröffnung warteten 1 000 geladene Gäste eineinhalb Stunden, bis sie eingelassen wurden in das elegante, vom brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer entworfene Ausstellungsgebäude. Der moderne Bau mit breit geschwungenen Innentreppen hat Architekturgeschichte geschrieben, so wie er Ausstellungsflächen, groß wie sechs Fußballfelder, über drei Stockwerke zu verbinden weiß. "Während die meisten Kulturstädte der Welt sich Gedanken machen, wie sie möglichst viele Menschen in ihre Kulturräume locken können, scheint es in São Paulo genau anders herum", beobachtet Paul Owens, vom britischen BOP Consulting, der in seiner gerade veröffentlichten Studie ("World Cities Culture Report") São Paulo zu den zwölf führenden Kulturhauptstädten der Zukunft zählt.

Das neue, wachsende Interesse an Kunst in einem prosperierenden Brasilien ist nicht nur in Wartezeiten zu spüren - sondern auch inhaltlich: Der 30. Biennale ist unter der Führung des venezolanischen Kurators Luis Pérez-Oramas das Kunststück gelungen, wieder zum Spiegel der brasilianischen und lateinamerikanischen Kunst zu werden - wie zuletzt in den 1950er- und 1960er- Jahren. "Diese Biennale verzichtet auf spektakuläre Werke oder Künstler", sagt Nicholas Serota, Direktor der Tate Gallery aus London. "Aber sie drückt klar die neue Stabilität und das gewachsene Selbstbewusstsein Brasiliens aus." Die Biennale von São Paulo gilt nach der Documenta in Kassel und der Biennale in Venedig als eine der wichtigsten Kunstschauen weltweit. Doch die Militärdiktatur und die lange wirtschaftliche Krise Brasiliens hatten viele Künstler ins Exil getrieben. Missmanagement und Geklüngel verhinderten zuletzt, dass die Biennale ernst genommen werden konnte.

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