Biennale/Österreich
Den Körper korrigieren

Das Unzulängliche im Körper oder im Raum korrigiert der Künstler Markus Schinwald. Immer geht es in seinem Werk um Störung, Irritation, Unbehagen. Diese Grundthema spielt der Künstler virtuos in vier Gattungen durch.
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VenedigDie eine Schöne im Profil trägt einen ledernen Bartschoner, der ihr Kinn hochbindet. Die andere hat eine Trense im Gesicht. Ihr männliches Pendant, gleichfalls in der Biedermeierzeit porträtiert, hat ganz selbstverständlich einen Nasenzwicker oder Antischnarch-Apparat umgebunden. Glücklich sehen sie alle nicht aus. Eher um Haltung bemüht, um das Leben zu meistern, seine Zumutungen auszuhalten. Wie viel Norm muss ein? Wo bin ich standardisiert, dressiert, auf Kurs, auf Haltung gebracht? Diese Fragen beschleichen die Besucherin des österreichischen Pavillons auf der Biennale von Venedig beim Anblick von Markus Schinwalds brutal zu Recht gebogenen Gestalten. Als Maler, der bürgerliche Porträts des 19. Jahrhunderts subtil übermalt, kennen wir den Künstler Markus Schinwald. Der gebürtige Salzburger (*1973) bespielt den österreichischen Pavillon in den Gardini auf unvergessliche Art und Weise. Schinwald schafft ein Gesamtkunstwerk, zu dem vier Gattungen einen eigenen Beitrag leisten: Malerei und Skulptur, Architektur und Film. Alles greift subtil ineinander und verstärkt sich gegenseitig. Ein Genuss, den die Biennale 2011 kaum und nur in abgeschwächter Form im israelischen Pavillon bietet.

Raumprothesen entwickeln

Schinwalds Oberthema sind Körperhaltung, Körperkorrektur Körperbeherrschung als Reflex auf die psychische Konditionierung unserer Gesellschaft. Momente der Störung, die sonst dem menschlichen Körper eingeschrieben sind, verräumlichen sich in einer labyrinthengen Gassenstruktur, die von der Pavillondecke herabhängt und auf Kniehöhe endet. Schinwald: „Oben klaustrophobisch, unten nichts. Oder der Kopf in der Neurose, der Schritt in der Psychose.“ Kontrolle, Disziplinierung und Selbstkontrolle macht Schinwald in einer  gelungenen Intervention sichtbar. Technisch gesehen war es kompliziert in dem denkmalgeschützten Pavillon von Josef Hoffmann große Lasten anzubringen für das schwebende Labyrinth. Dass es klappt, ist dem Einsatz von drei Sponsoren (Bollinger Grohmann Schneider Ziviltechniker; Waagner-Biro; STRABAG) zu danken. „Ich schneidere ausgehend von der Raumsituation Raumprothesen‘“, erklärt Markus Schinwald seinen Ansatz.

Das Zwanghafte

Die Symmetrie des Pavillons ist aufgehoben, der Eingang erfolgt seitlich durch einen Schlitz in der Wand. Der Besucher wird Schinwald zufolge dann nicht mehr durch das große Tor von der Architektur klein gemacht. Für die Kommissärin des Österreichischen Pavillons, Eva Schlegel, bezeichnet Schinwalds „Raumvergrößerung durch Raumeinschränkung“ genau das Paradoxon, das Schinwalds ganzes Oeuvre kennzeichnet. Immer geht es um Störung und Irritation, um das Unheimliche und das Unbehagen, das Unzugängliche und das Zwanghafte in Körper und Raum.

Lust oder Leid

Dieses Thema spielen auch Schinwalds Skulpturen durch: Tentakel von Lebewesen, die an Mauerschlitzen Überlebenssignale senden oder zuckend am Gestänge hängen. Schinwald hat Pseudo-Barocktischen die leicht schwingenden Beine abgesägt und zu höchst eigenwilligen Skulpturen verschnürt. Ob Jagd oder Tanz, ob Lust oder Leid hinter ihren Verrenkungen steckt bleibt dem Betrachter überlassen.

Rätselhafte Rituale

So extrem wie die Skulpturen Posen und Rituale verkörpern, tun das auch fünf Schauspieler in dem Neun-Minuten-Loop „Orient“. Der Film hat  weniger erzählerischen als emotionalen Inhalt. In einer verlassenen, verfallenden Brauerei vollführen fünf Personen Zwangshandlungen, so scherzhaft wie schmerzhaft. Nichts mutet orientalisch an. Den Ort und die Zeit des Geschehens kann der Betrachter genauso wenig ermitteln wie den Grund für die sich vollziehenden Rituale. „Orient ist die Abkürzung für Orientierung“, lüftet Markus Schinwald bei der Vorbesichtigung das Geheimnis des Titels. Wenn das so ist, dann liefert der Film starke Bilder für die psychische Verfasstheit unserer Gesellschaft bzw. für die Kraft auszuscheren und sein eigenes Ding zu machen, sobald die Orientierung einsetzt.

Biennale der Künste, Venedig,  bis 27. November 2011 täglich außer Montag

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