Biennale Venedig
Das Herz im Vogelkäfig

Die Biennale Venedig wirft ihre Schatten voraus. In der Punta Della Dogana gibt der Künstler Danh Vō den Ausstellungskurator. Eingeladen hat ihn der französische Sammler und Multimillionär François Pinault. Der aus Vietnam stammende Künstler, der in Berlin lebt, wird in diesem Jahr den dänischen Pavillion bespielen.
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Venedig„Seine Biografie bestimmt seine gesamte Kunst“, sagt der Berliner Galerist David Buchholz über den Künstler Danh Vō. Auf die Einladung des französischen Multimillionärs François Pinault, im ehemaligen Zollgebäude von Venedig, die Punta Della Dogana im Palazzo Grassi, seine Werke zu zeigen, reagierte der gebürtige Vietnamese mit dem nicht alltäglichen Vorschlag, selber den Kurator zu spielen und nur wenige eigene Werke zu präsentieren. Insgesamt sind 40 Künstler vertreten.

Unterstützt von Pinaults Kuratorin Caroline Bourgeois, wählte Danh Vō aus der gesamten „Pinault Collection“ berührende und eigenartige, sinnstiftende und doppelsinnige Werke aus. Locker über die überwiegend dreidimensionalen Werke über die gut 20 Säle der „Dogana“ verteilt. Sie stehen im gegenseitigen Dialog, der jedoch nicht immer leicht nachvollziehbar ist.

Auftritt für einen müden Penis

Der Ausstellungstitel „Slip of the Tongue“ lässt sich mit „Lapsus, Versehen“ übersetzen. Wortwörtlich heißt er: „Ausrutschen oder Abgleiten der Zunge“. Danh Vō nimmt den Titel beim Wort, ebenso wie die iranische, in Berlin lebende Künstlerin Nairy Baghramian, die eine überdimensionale, rosa Variante eines etwas müden Penis so betitelt. Andere ähnliche Abarten von Riesengliedern unter Glas geben dem zerstörten Sexualleben den archäologischen Touch eines „es war einmal“. Es ist die unbeschwerte, liebestolle Ära vor Ausbruch der Aids-Epidemie. Für die Generation des 1975 geborenen Danh Vō gehört sie zur Vor-Geschichte im strengen Wortsinn.

Zwei Themenstränge führen wie Ariadnes roter Faden durch die Ausstellung. Einerseits die Werke von Künstlern, die an Aids starben oder davon bedroht sind, andererseits Arbeiten, die einen extrem kritischen Blick auf die westliche Gesellschaft, ihren Konsumwahn, ihre Sinnsuche und ihre Symbole werfen. Auch Danh Vō führt sie in den eigenen Arbeiten mit beißender Ironie ad absurdum. Etwa wenn er Verpackungsmaterial (Karton von Mikrowellenherden) mit Goldfarbe in der Art einer US-Flagge bemalt und sie wie ein Mobile im Raum schweben lässt. Oder wenn er Haushaltsgeräte (Fernsehgerät, Wasch- und Spülmaschine) zu einem „Oma Totem“ übereinander stellt. Diese Geräte, die unsere Großmütter als Inbegriff eines fortschrittlichen Lebens betrachteten, sind für den Künstler deutsche Wohlstandsymbole.

Zwischen Sanftmut und Aggression

Vos Familie floh aus Vietnam. Lange Zeit lebten sie als Boat-People, die kein Land aufnehmen wollte. In Dänemark gelandet, wurde Vo, der heute 40 Jahre alt ist, von den Behörden irrtümlich als Mädchen eingetragen. Umstände, die später mit dazu beitrugen, sich als militanter Homosexueller zu outen. Vos gesamtes, vielseitiges Werk ist der Spiegel dieser aus der Biografie resultierenden Dichotomie zwischen Sanftheit und Aggressivität.

Für die Ausstellung wählte Danh Vō auch Werke, die aus ihrem Kontext gerissen, beschädigt, zerfleddert (wie Manuskriptblätter aus illuminierten Stundenbüchern) und zweckentfremdet kommerzialisiert wurden. Weil François Pinault ihm scherzend sagte: „Du zeigst mich als Perversen“, stellen wir ihm die Frage, wie er das gemeint haben könnte. Der Großsammler, von dem man in Venedig ungeahnte Ankäufe sieht, antwortet sibyllinisch: „Danh bringt Sie ganz schön aus dem Gleichgewicht. Er saugt Ihnen das Blut ab und nährt sich von Ihrer Energie. Da er extrem intelligent ist, bemerken Sie es nicht einmal, was ziemlich pervers ist“.

Seite 1:

Das Herz im Vogelkäfig

Seite 2:

Küchenschrank von Marcel Broddthaers

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