Biografie
Aufsteiger im Schloss Bellevue

Horst Köhlers Popularitätskurve in der Bevölkerung ist beständig gestiegen – und das, obwohl die wirtschaftspolitischen Aussagen Köhlers nicht immer im Sinn des kleinen Mannes sind. Was also ist sein Geheimnis? Zur Hälfte seiner Amtszeit nähern sich eine Biografie und ein Bildband dem Bundespräsidenten an.

DÜSSELDORF. Bei den Bürgern hat er einen Stein im Brett – fast drei Viertel sind der Ansicht, der Bundespräsident solle sich ins politische Tagesgeschäft einmischen. Genau das hatte Horst Köhler zu Beginn seiner Amtszeit auch angekündigt. Offen wolle er sein, notfalls unbequem. Als Sahnehäubchen im Politikbetrieb versteht er sich nicht – eher als Mahner der politischen Klasse, als Katalysator. In Kreisen der Regierung und der Parteien stößt das manchem sauer auf, jenen zumal, die das Staatsoberhaupt als politischen Eunuchen verstanden wissen wollen. Seine Popularitätskurve in der Bevölkerung indes ist beständig gestiegen – und das, obwohl die wirtschaftspolitischen Aussagen Köhlers nicht immer im Sinn des kleinen Mannes sind. Was also ist sein Geheimnis?

„Er versucht den Schulterschluss nicht mit den Mächtigen, sondern mit den Regierten“, diagnostiziert Gerd Langguth in seiner Köhler-Biografie, der ersten, die vorliegt. Die Menschen nehmen Köhler als jemanden wahr, der Tacheles redet, der sagt, was er denkt – oder wie es Rüdiger Jungbluth in der biografischen Einführung zum Bildband „Horst Köhler – Der Mensch, der Präsident“ formuliert: „Er hat es nicht gern wolkig.“

Tatsächlich hat sich Horst Köhler während seiner zweieinhalbjährigen Amtszeit immer wieder den Unmut der politischen Kaste zugezogen – egal, welcher Couleur. So nahm er ungebeten Stellung zur Mehrwertsteuererhöhung, zum Libanon-Einsatz, und kurz vor dem Dresdner CDU-Parteitag watschte er NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers ab. Dass er zwei Gesetzen der großen Koalition wegen handwerklicher Schludrigkeit seine Unterschrift verweigerte, tat sein Übriges.

Köhlers Vorgänger „schafften es besser, durch die Art ihres Redens, durch die Abstraktheit der Benennung von Problemen nicht den Eindruck zu vermitteln, als griffen sie in die Tagespolitik ein“, schreibt Langguth. Vielleicht ist dies Versteckspiel auch gar nicht Köhlers Ding. Als jemand, der nie ein politisches Mandat innehatte, der als „in der Sache engagierter Technokrat“ stets mit der Umsetzung politischer Vorhaben betraut war, dürfte es ihm weniger schwer fallen, die parteipolitische Brille abzusetzen als manchem seiner Vorgänger. Freilich, eine gewisse Indifferenz bleibt. Ehemalige Wegbegleiter sind überrascht, dass Köhler als parteipolitischer Spätzünder mit Ende 30 in die CDU eintrat, es hätte wohl genauso gut die SPD sein können, erinnern sie sich.

„Er ist nirgendwo wirklich politisch verankert“, lautet Langguths nachvollziehbare These. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel habe ihn gegen rüpelhafte Angriffe aus der SPD nicht in Schutz genommen. Einzig FDP-Chef Westerwelle habe ihm beigestanden. Aber, so Langguth: „Das ist zu wenig. Deshalb verpufften seine Reden im politischen Off der Republik“ – das klingt fast wie eine Zwischenbilanz seiner Amtszeit.

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