Blendend auszusehen reicht nicht (immer), sagen kluge Frauen
Schöner, fremder Mann

Antike Götterstatuen waren jahrhundertelang das Maß männlicher Schönheit - muskulös, drahtig, biegsam und fettfrei. Für kurze Zeit, in den 1950er-Jahren, gab dann Ludwig Erhard das maskuline Maß vor - wir waren wieder wer, und zwar mit Schmerbauch und Zigarre. Jetzt aber ist wieder Waschbrettbauch Pflicht.

Das männliche Schönheitsideal - ein Produkt des Zeitgeists? Vieles spricht dafür. Leni Riefenstahl zum Beispiel konnte sich an soldatischen und sportlichen Männerkörpern einst nicht satt filmen. Dann, Jahrzehnte später, wandte sich die Umstrittene der Schönheit nubischer Männerkörper zu.

Lauter Experten wollen sich nun am morgigen Samstag über den "Perfekten Menschen" Gedanken machen, über Schönheit im Allgemeinen und darüber, was unsere Körper attraktiv macht und was nicht. Pünktlich zum Frühling. "Für so was", pflegte mein Großvater zeitunglesend zu nörgeln, "für so was haben sie Geld." Mein Großvater war das, was man seiner Zeit einen "stattlichen Mann" nannte.

Heute würde man ihn vielleicht sogar einen "schönen Mann" nennen können, wenn auch unter allerlei Räuspern und Hüsteln, mit Einschränkungen hier und Relativierungen da. Hässlichkeit zu definieren, das fällt uns leicht. Was ein hässlicher Mensch ist, sagt Agnes, "das erkennen wir sofort. Aber über männliche Schönheit gibt?s so viele Meinungen, wie es Frauen gibt."

Wir haben einige von ihnen befragt. "Es gibt keine schönen Männer", sagt zum Beispiel Margit. "Abgesehen vom ,David? des Michelangelo." Männer "sind allenfalls attraktiv und interessant". Was aber Männer eventuell doch zu schönen Männern macht - darüber streiten sich die Ästheten und Ästhetiker, seit Pfauen Räder schlagen, Hähne durch den Hühnerstall gockeln und Männer abwiegelnd von ihren "inneren Werten" faseln, während sie ihre Wampe abtasten.

Männliche Schönheit ist "ein weites Feld" (G. Grass bzw. T. Fontane). Der Preußenpoet Fontane machte sich selten über männliche Schönheit Gedanken, allenfalls in milder Ironie. Über den "kleinen, schwarzen Kolonialfranzosen von Carayon" weiß er im "Schach von Wuthenow" zu lästern, "der nichts Erhebliches in die Ehe mitgebracht hatte. Am wenigsten aber männliche Schönheit."

Der olle Fontane aus einer Hugenotten-Familie beließ es bei dieser Lakonik, ließ sich nicht weiter über "Erheblichkeit" in der Ehe aus. Möglicherweise hätte er eine straff-soldatische Haltung gemeint, eine irgendwie Garde-Ulanen-artige Attitüde, preußische Nobilität und einen gewichsten Schnurrbart.

Knapp 120 Jahre danach hat sich so viel am männlichen Schönheitsideal nicht geändert, bis auf den Schnurrbart. Dem hat die Rasierklingenbranche kampagnenartig und millionenschwer derart den Garaus gemacht, dass er heute nur noch von vereinzelten Porsche-Vorständlern getragen wird, von Chrysler-Chefs, manchen Polizisten, Soldaten und Chefredakteuren. Ansonsten ist die Garde das Maß aller Männerschönheit geblieben, die "langen Kerls".

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