Blixa Bargelds Verdienste um die Popkultur sind unbestritten: "Einstürzende Neubauten" unter Denkmalschutz?

Blixa Bargelds Verdienste um die Popkultur sind unbestritten
"Einstürzende Neubauten" unter Denkmalschutz?

Dem Album „Perpetuum Mobile“ der „Einstürzenden Neubauten“ fehlt der echte Antrieb.

Es gibt Menschen, denen eilt der eigene Mythos voraus. „Blixa hat gerade seine erste Flasche Wein bestellt. Das kann gefährlich werden“, hatte die Promoterin der Plattenfirma eben noch besorgt verlauten lassen und damit Erinnerungen an einstige Exzesse des Sängers der Einstürzenden Neubauten geweckt, der wahlweise als Bürgerschreck, RAF-Sympathisant, Mephisto- oder einfach nur Selbst-Darsteller gilt. Kurzum, ein nicht ganz einfacher, oft als arrogant verschrieener Zeitgenosse.

Doch Blixa Bargeld im Jahr 2004 gibt ein anderes Bild ab: Zwischen Sushi-Häppchen und besagter Weinflasche sitzt da ein alternder Bohemien im Designeranzug, der ruhig und routiniert vom Entstehungsprozess des neuen Albums erzählt. Eine Platte, die es genau genommen zweimal gibt: Für 35 Dollar konnten Fans via Internet am Entstehungsprozess neuer Songs teilhaben und bekamen nach Abschluss der Aufnahmen ein Album, dessen Trackliste sich nur teilweise mit dem offiziellen Werk „Perpetuum Mobile“ überschneidet. Sogar Kritik durften die rund 2 000 Unterstützer äußern. „In einem Stück wurde ich mit der Nase auf zwei inhaltliche Fehler gestoßen – also habe ich den Satz geändert!“ beschreibt Bargeld seine Arbeitsweise.

So viel Konsens wäre in den wilden 80ern, als die Band mit Punk- und Industrial-Sounds ihren Ruf als kunstvolle Krawallmacher begründete, wohl kaum denkbar gewesen. Überhaupt gebärden sich der 44-jährige Berliner und seine Mitstreiter auf „Perpetuum Mobile“ erstaunlich milde, führen das mit den letzten Platten bereits angedeutete Alterswerk fort. Zwar gibt noch immer metallisches Hämmern den Rhythmus vor, doch die ausgedehnten Textpassagen und der thematisch und akustisch als Leitmotiv durch alle Songs wehende Wind sorgen eher für mollige Melancholie.

Da hilft auch kein letztes Aufbäumen: „Ich werde heftig von unten an den Wurzeln reißen, bis die obere Welt sich regt“, raunt Bargeld an einer Stelle. Dabei ist er schon lange nicht mehr im Underground verwurzelt, ganz im Gegenteil, längst ist er von Feuilleton und Hochkultur vereinnahmt. Zu Recht, schließlich sind seine Verdienste um die Popkultur unbestritten.

Doch auch der Eindruck, dass die „Neubauten“ langsam ein Fall für das Denkmalschutzamt werden, bekommt mit „Perpetuum Mobile“ neuen Auftrieb. Insofern ist der Albumtitel wohl perfekt gewählt: die Band als ohne wirklichen Antrieb, endlos laufende Maschine.

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