Bonhams
Flaute für Porzellan in London

Bei Bonhams war die Nachfrage nach Meissener vor allem aus Deutschland schwach.
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LondonDas einzige Londoner Auktionshaus, das den Porzellanmarkt in seiner ganzen Breite pflegt, hatte am 23. Mai nicht ganz den erwünschten Erfolg. Am mangelnden Angebot lag es nicht, dass 40 Prozent der Lose zurückgingen. Auch die Taxen waren moderat, und Experte Sebastian Kuhn hatte keine rechte Erklärung. Doch er blieb gelassen: „Die Preise können nicht immer nur nach oben gehen, das würde mir Angst machen. Es geht immer ein bisschen auf und ab, aber auf lange Sicht fluktuieren die Preise für Meissener Porzellan viel weniger als die meisten anderen Kunstmarktbereiche."

Dass Meissen und frühes Porzellan aus deutschen Manufakturen aus der Mode kommen und dauerhaft billiger werden könnten, glaubt er nicht. In London musste man sich verstärkt auf Käufer aus den USA, aus Südamerika oder Russland verlassen.

Unterm Strich sieht Kuhn solche Flauten als Kaufgelegenheit für Sammler mit langer Perspektive, weil sie in aller Ruhe und ohne Preisdruck die schönsten Stücke auswählen können. Gekämpft wurde um zwei Topstücke der Nymphenburger Manufaktur: Eine „Julia" von F.A. Bustelli, weiß glasiert und unbemalt, so dass die superbe skulpturale Qualität zum Strahlen kommt, brachte bei einer oberen Schätzung von 15.000 Pfund glorreiche 56.450 Pfund (70.560 Euro).

Gleich darauf kam ein rasantes Rokoko-Tintenzeug mit zwei integrierten Kerzenhaltern und verdoppelte die Schätzung auf 27.500 Pfund. Es war ein Fund aus der „Busca Collection", einem wohl über 100 Jahre nicht ausgepackten Porzellanschatz. Die eigentliche Trophäe der Busca-Sammlung waren vier schneeweiße, in Größen zwischen 23 und 32 cm abgestufte Balustervasen von Johann Jacob Irminger, aber für 44.450 Pfund deutlich unter der Schätzung von bis 80.000 Pfund verkauft: Unverkauft blieb auch das mit bis 50.000 Pfund maßvoll geschätzte Service in einem Kangxi-Porzellan nachempfundenen Dekor; 54 Teile waren den Käufern dann wohl zu viel.

Eröffnet wurde die Auktion mit 40 Losen einer anonymen Privatsammlung, von denen die letzten Stücke erst vor zwei Jahren in Bonhams Auktion der großen Hamburger Sammlung Hoffmeister ersteigert wurden - aber nur 19 wurden verkauft. Es scheiterten ein Anbietteller (30.000 - 40.000 Pfund) und ein dreifüßiger Kerzenhalter, bemalt mit Drachen und Wolken (30.000 - 50.000 Pfund). Frühes Porzellan und Böttger-Steinzeug lief schlecht.

Es wurde lange als akademisches Spezialinteresse ignoriert, bis in den neunziger Jahren die Preise hochschnellten. Nun müssen sie sich wieder niedriger einpendeln. Zwei Teller des gelbgrundigen Jagdservices wurden für 12.500 und 13.125 Pfund taxengerecht verkauft - tadellos erhaltene Stücke sind kaum zu haben, da die Teller meist im Fond berieben sind.

Ein Teller aus dem Krönungsservice, von dem in der Hoffmeister-Sammlung ein Stück 22.800 Pfund gekostet hatte, wurde für 12.500 Pfund im Schätzbereich verkauft, auch eine große Platte des Schwanenservices war mit 23.750 Pfund günstig - der kleine Brandriss mochte gestört haben. Ein tadelloses, scharf ausgeformtes Stück der Hoffmeister-Sammlung hatte zum Vergleich 36.000 Pfund gekostet. Bonhams nahm für 138 verkaufte Lose 805.475 Pfund und damit einen Durchschnittspreis von 5.836 Pfund pro Los ein.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent

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