Kultur + Kunstmarkt
Brave Arbeit rot-grüner Chronisten

Keine Frage, um Wirkung zu zeigen, müssen politische Bücher zum richtigen Zeitpunkt veröffentlicht werden. Doch manchmal schadet zu viel Eile. Ein Beispiel dafür ist das Buch "Operation Rot-Grün - Geschichte eines politischen Abenteuers". Offensichtlich bewusst vor der nordrhein-westfälischen Landtagswahl platziert, sollte es eine Art kritische Bilanz des "rot-grünen Projekts" werden. Noch vor einigen Wochen hatten Kabinettsmitglieder in Berlin deshalb vor dieser Veröffentlichung gezittert.

HB BERLIN.Doch nun ist im Regierungslager Entspannung angesagt: Zum einen ist "Operation Rot-Grün" alles andere als eine vernichtende Abrechnung mit der mittlerweile fast siebenjährigen Regierungszeit des Kabinetts Schröder oder mit rot-grünen Ideologien. Zum anderen hakt es in dem Buch an allen Ecken und Enden. Originell sind vor allem Einleitung und Nachwort. Dazwischen erwarten den Leser aber fast 300 Seiten brav geschriebener Chronik der Regierungszeit seit 1998, in der das Können der drei "Spiegel"-Star-Schreiber Matthias Geyer, Dirk Kurbjuweit, Cordt Schnibben nur selten aufblitzt. Wirkliche Höhepunkte wie etwa die Beschreibung einer Kabinettssitzung im Januar 2003 und der Rolle der Ministerinnen in Schröders Team fallen daher umso mehr auf.

Oft jedoch erscheint die Auswahl von Terminen, Szenen und Beschreibungen des rot-grünen Regierungshandelns eher willkürlich. Teilweise wird in aller Ausführlichkeit erzählt, wenn die Autoren gerade einmal selbst direkten Zugang zu den politischen Akteuren hatten. Teilweise sind die Lücken in der Darstellung frappierend - etwa rund um den doch tiefen Einschnitt für das rot-grüne Bündnis, bei dem Bundeskanzler Gerhard Schröder den SPD-Parteivorsitz an Franz Müntefering übergeben musste. Äußerst gewollt wirkt zudem, dass in manche Szenen wie etwa die eines Grünen-Parteitages im März 2002 plötzlich aus dem Rückblick Details zum Visa-Missbrauch eingebaut werden, die damals in den Debatten noch gar keine Rolle spielten.

Das Dumme ist, dass die Lücken zunehmen, je weiter die Autoren in der Chronologie voranschreiten. Dass ausgerechnet die jüngste Zeit der rot-grünen Bundesregierung von April 2003 bis Februar 2005 von den Autoren im Zeitraffer durchjagt wird, lässt den Leser etwas ratlos zurück. Erklären kann man es wohl nur mit dem Wunsch, das Paperback endlich auf den Markt schmeißen zu können. Oder durch die Tatsache, dass es den Autoren im Laufe der Jahre offenbar immer seltener gelungen ist, wirklich hinter die Kulissen des Regierungsbetriebs in Berlin zu blicken.

MATTHIAS GEYER/ DIRK KURBJUWEIT/ CORDT SCHNIBBEN: Operation Rot-Grün - Geschichte eines politischen Abenteuers DVA München 2005, 335 Seiten, 17,90 Euro

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