Breloer weiß seine Position zu nutzen
Der freundliche Dickschädel

Heinrich Breloer, Deutschlands höchstdekorierter Dokumentarfilmer, überrascht sich am liebsten selbst und will es immer genau wissen. Für sein neues Doku-Drama über Hitlers Architekten und Rüstungsminister Albert Speer hat er die Zelle im Gefängnis Spandau nachbauen lassen.

Maßstabsgetreu. Einmal hat er sich selbst dort eingeschlossen: „Ich bin auf und ab gegangen, um mir vorzustellen, wie das ist, zwanzig Jahre lang in dieser Zelle.“ „Speer und Er“ heißt der neue Film Heinrich Breloers, an dessen Schnitt er gerade mit Hochdruck arbeitet. Der „Er“ im Titel meint Hitler, und der Regisseur erzählt davon, wie ein bürgerlich gebildeter Mann wie Speer sich vom Nazitum hat einfangen lassen, wie aus einem mediokren Architekten ein Kriegsverbrecher wurde und dieser sich in Spandau zum Bestsellerautor häutete.

Deutsche Zeitgeschichte und eine deutsche Geschichte – die meisten Geschichten von Breloer sind so. Von Willy Brandt hat er erzählt und von Herbert Wehner, von Barschel und von Engholm, vom Coop-Skandal und vom „Todesspiel“ des deutschen Terrorismus. Zuletzt war ihm die Dichter-Familie Mann vor die Kamera geraten, Familienbande und Zeitgeschichte in einem und ein breit ausgemaltes Panorama. Fernseh-Cinemascope.

Angefangen hatte alles 1982 mit dem „Beil von Wandsbek“ nach dem Roman von Arnold Zweig. Dabei entdeckte Breloer, dass er mit Spielszenen und Dokumenten anders und tiefer erzählen kann als bis dato üblich. Er verschmolz Erfundenes und Gefundenes und ließ es ineinander spiegeln.

Diese Technik hat er seither so perfektioniert, dass man von einem Breloer-Stil sprechen kann. Seine Doku-Dramen sind ein öffentlich- rechtlicher Markenartikel geworden, unverwechselbar und publikumswirksam. Wenn die ARD beweisen will, dass Qualität und Quote zusammenpassen können, zeigt sie mit dem Finger auf ihn.

Und Breloer weiß seine Position zu nutzen. „Ich habe mir so etwas wie einen kleinen Piratensender im großen WDR/NDR-Getriebe aufgebaut“, sagt er und grinst ein wenig. So kann er sich seine „Zirkustruppe“ nach Wunsch zusammenholen. Als der WDR nach Ende der Dreharbeiten „Speer und Er“ vorstellte, hatte er wieder seine Film-Familie mitgebracht – viele alte Bekannte darunter, Schauspieler und Mitarbeiter. Horst Königstein, der Freund und Co-Autor gehört dazu. Gernot Roll, der Kameramann, mit dem er sich ohne viele Worte verständigen kann. Götz Weidner, der Bühnenarchitekt, der Kulissen so akribisch baut, dass die Kamera „durch die Räume der Geschichte gehen“ kann. Cutterin, Maskenbildner, Kostümbildnerin und Komponist – ein eingespieltes Team. Breloer spielt darin den Teamchef, nicht ohne patriarchalische Anwandlungen.

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