Bronzeskulptur
Großer Auftritt für Merkur

Um 1600 waren Bronzeskulpturen von Giambologna und Adriaen de Vries für wohlhabende Renaissance-Fürsten begehrte Kunstobjekte. Heute kosten sie Millionen. Das Bayerische Nationalmuseum in München zeigt, warum ihr Reiz Bestand hat.
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MünchenSchönheit ist eben doch nicht vergänglich. Zumindest nicht, wenn sie in Bronze gegossen ist. Die Vollkommenheit des menschlichen Körpers bewegte die Renaissancebildhauer. Auch Hubert Gerhard war auf der Suche nach ihr, als er vor fast als 450 Jahren die ambivalente Zärtlichkeit eines Kriegsgottes in seiner Skulptur „Mars, Venus und Amor“ in Bronze goss. Sie ist eine von 80 Meisterwerken, die derzeit in der Ausstellung „Bella Figura. Europäische Bronzekunst um 1600 in Süddeutschland“ zu sehen ist.

Das Bayerische Nationalmuseum zeigt damit auch, dass man in der Kunst schon immer in internationalen Dimensionen gedacht hat. Von 1570 bis 1620 machten Künstler wie die Niederländer Adriaen de Vries und Hubert Gerhard oder Carlo de Cesare Augsburg und München zu einer Hochburg der Bronzekunst. Sie kamen aus der Schule des überragenden Giambolognas, des Hofbildhauers der Medici. Zahlreiche Brunnen- und Gartenskulpturen entstanden, beispielsweise Gerhards heroischer Meeresgott Neptun für München oder Adriaen de Vries´ athletische, schwungvoll bewegte Merkurfigur für Augsburg. Sie zeugen nicht nur von der Meisterschaft ihrer Hersteller, sondern auch von der Potenz ihrer Auftraggeber. Skulpturen wie diese, in denen sich auch ein neues Menschenbild widerspiegelte, brachten Florentiner Grandezza à la Medici nach Süddeutschland.

Ästhetische Sensationen

Wie die aussah, zeigt die Münchener Schau gleich am Anfang mit einem Reigen jugendlich schöner Merkur-Figuren. Renaissancefürsten liebten den Gott des Handels. Die Bronze-Bildhauer aber trieb er geradezu in einen Künstler-Wettstreit. Der Vergleich ist spannend: Willem van Tetrode etwa sah um 1560 den Götterboten als energischen Kriegertyp. Und während sich Johann Gregor von der Schadt 1575/76 in Nürnberg an der Gestik des antiken Apoll von Belvedere orientierte, schuf Hubert Gerhard 1590 in Augsburg einen gelassenen, durchtrainierten Jüngling. Ganz anders als sein Meister und Übervater Giambologna, der seinen „kleinen“ fliegenden Merkur 1586 streng vertikal und mit himmelwärts zeigendem Finger ausstattete, hielt Gerhards Merkur seinem Gegenüber ganz locker an der ausgestreckten Hand ein inzwischen verloren gegangenes Geldsäckchen hin.

Was im Großen bewundert wurde, war im Kleinen umso begehrter. Mythologische Szenen wie Giambolognas erotisch aufgeladene Kleinbronze „Schlafende Venus und Satyr oder Antikenadaptionen wie Hans Reichles „Venus Kallipygos“, die einem gewissen Realismus zollte, wurden für die Kunstkammern gefertigt. Die virtuos gedrehten und in sich verschlungenen Gruppen glichen ästhetischen Sensationen.

Mit äußerster Präzision hat Adriaen de Vries das Drama um Nessus und Deianeira umgesetzt. In jedem Muskel ist die Rage des athletischen Herkules zu spüren, als er die wohlgeformte Deianeira auf den Arm hebt. Er hatte soeben den sexuellen Übergriff des Zentauren auf seine Gattin abgewehrt. Und das Testosteron gesteuerte Mischwesen windet sich im Todeskampf. Ganz im Stil seiner Zeit hat er das Personal zu einer aufstrebenden Figurenpyramide arrangiert.

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Großer Auftritt für Merkur

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Rettung durch die Siemens Kulturstiftung

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