Bruce Nauman: Sammler begehren krude Körper

Bruce Nauman
Sammler begehren krude Körper

Bruce Nauman ist ein hochdotierter und einflussreicher Künstler. Um radikale Denkanstöße zu geben, scheut der Amerikaner nicht vor dem Rohen zurück. Eine Berliner Ausstellung widmet ihm nun eine pointierte Sommerausstellung. Ein Marktüberblick zeigt: Die Preise für schwierige Konzeptkunst steigen.
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BERLIN. Vierzig Jahre die zeitgenössische Kunst zu prägen und ein Marktfaktor allererster Ordnung zu bleiben gelingt nur wenigen Künstlern. Dieses Wunder hat der Amerikaner Bruce Nauman geschafft, dem das Berliner Museum für Gegenwart im Hamburger Bahnhof eine pointierte Sommerausstellung widmet. Sie zeigt die Vielseitigkeit dieses in allen Medien versierten Künstlers mit Bild und Zeichnung, Skulptur und Installation, Film und Video. Von Anfang an, seit seinen ersten, um 1965 entstandenen Werken, pflegt Nauman eine programmatische Irritation der Sinne.

Eine imposante Kette von Einzelausstellungen macht kontinuierlich mit seiner Konzeptkunst vertraut. Sie setzt 1973 mit der großen Wanderausstellung und reicht bis zu dem begeistert aufgenommenen Werkkonzentrat im amerikanischen Pavillon auf der Biennale in Venedig 2009. Schon in den achtziger Jahren wurde er neben Joseph Beuys als einflussreichster, hochdotierter Künstler gefeiert. Naumans permanente Präsenz in Museen und Ausstellungen prägte auch seinen Status im Markt.

Die großen Installationen und Erfahrungsräume, deren Preise in die Millionen gehen, waren dabei vorwiegend Museumssache. Einer der spektakulärsten wurde jetzt in Kooperation mit dem Künstler in den Rieck-Hallen des Hamburger Bahnhofs aufgebaut. Das Modell zu diesem „Room with My Soul Left out, Room That Does Not care“ (1984) war bei der Präsentation der Sammlung Flick dort schon seit 2008 zu sehen. Jetzt übt die Realisierung dieser drei sich kreuzenden Korridore, in deren Mitte sich der Betrachter verloren, verlassen und existenziell bedroht fühlt, eine beklemmende Sogwirkung aus.

Das ist genau das, was der Künstler will: den Betrachter aktiv in das Werk einbeziehen und dabei auf eine schon fast schmerzliche Weise seine Sensibilität aktivieren. In anderen Räumen wie der „Corridor Installation“ verbindet sich das Gefühl des Eingeschlossenseins mit einer neuen, intensiven Körpererfahrung.

Amerikanische Sammler wie der Taxiunternehmer Robert Scull oder der Architekt Philip Johnson begeisterten sich schon in den späten 60er-Jahren für die teils mit Neon illuminierten Körperabgüsse, von denen einer im November 2006 bei Sotheby’s 374 400 Dollar realisierte. Die frühen großen Arbeiten sind die teuersten. So erzielte das „Second Poem Piece“ (1969), eine mit magischen, scheinbar ohne Sinnzusammenhang platzierten Worten gravierte Stahlplatte, im Mai 2007 bei Christie’s stolze 1,5 Mio. Dollar. Den absoluten Rekordpreis von 4 Mio. Dollar erlöste im November 2009 bei Sotheby’s das 1981 entstandene Neonobjekt „Violins Violence Silence“, das jetzt auch in der Berliner Ausstellung hängt und dessen Wortspiel Humor mit Aggression verbindet.

Für 1,1 Mio. Dollar wurde dagegen im Mai 2008 bei Sotheby’s in New York ein Doppelkopf in Wachs aus dem Jahr 1989 („Julia Head/Julia Head“) zugeschlagen. Solche Wachsarbeiten, von denen einige auch in Bronze gegossen sind, gehören zu den Markenzeichen des Bildhauers Nauman. Die an Drähten hängenden, wie Abgüsse Enthaupteter wirkenden „Four Pairs of Heads“ (1991) in der Berliner Schau gehören dazu, aber auch die Pyramide geklont wirkender Tierleiber in Hartschaum (1989) aus der Sammlung Marx, die wie ein ästhetisches Menetekel brutaler Tierverwertung wirkt.

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