Buchbesprechung
In der Pflegefabrik

Zwei Neuerscheinungen werfen einen kritischen Blick auf einen Milliardenmarkt: das Geschäft mit Pflegediensten boomt. Doch die Autoren stellen fest: Oftmals bleibt der Mensch auf der Strecke.

Schon mal was von Hüftschutzhosen gehört? Nein? Dann ist es Ihnen bislang offensichtlich erspart geblieben, sich um einen Angehörigen kümmern zu müssen, der an schwerer Demenz erkrankt ist. Denn für solche Kranke, die zwar oft desorientiert, aber in der Regel lange körperlich fit genug sind, um sich frei bewegen zu können, stellt die preiswerte Stützhose ein wichtiges Hilfsmittel dar, um sie vor den im Alter oft tragischen Folgen einer Sturzes zu bewahren.

Die Folgen sind dramatisch: Kommt es zum Oberschenkelhalsbruch infolge eines Sturzes, erholen sich die Betroffenen meist nur schwer davon. Die Behandlungskosten für die Krankenkassen sind immens. Sie gehen in die Zehntausende.

Das Problem ist nur, dass die Krankenkasse nicht für solche Schutzhosen zahlt, obwohl fünf davon bereits für 120 Euro zu haben sind. Klagen dagegen vor den Sozialgerichten waren bisher erfolglos.

Das ist der Grund, warum Krankenkassen nach solchen Stürzen häufig gegen Pflegeheime auf Erstattung der Behandlungskosten klagen, weil das Heim es an der erforderlichen Sturzprophylaxe habe fehlen lassen. Eine Katze, die sich in den Schwanz beißt. Um sich davor zu schützen, werden in vielen Heimen Demente im Bett fixiert oder durch Medikamente sediert, um ihren Bewegungsdrang zu bändigen. Wieder sind die Pflegebedürftigen die Leidtragenden.

Die Hüftstützhosen sind nur ein Beispiel, an dem der Hamburger Journalist Christoph Lixenfeld in seinem rechtzeitig zur Pflegereform erschienenen Buch „Niemand muss ins Heim“ die teils absurden, teils tragischen Folgen des deutschen Pflegerechts für die Pflegewirklichkeit in deutschen Heimen und bei der häuslichen Pflegebetreuung illustriert. Weil Pflege- und Krankenversicherung streng getrennt sind, schieben sich die beiden Sozialversicherungszweige die Verantwortung für eine menschenwürdige Therapie und Betreuung gegenseitig zu. Der Pflegebedürftige bleibt dabei auf der Strecke.

Lixenfeld plädiert daher dafür, Pflege- und Krankenkassen endlich unter einem Dach zusammenzuführen. Doch er will mehr. Sein Buch ist ein Plädoyer für die häusliche Pflege und gegen die eingebaute Vorfahrt für die Heimpflege im heutigen Pflegesystem. An zahlreichen Beispielen illustriert er seine These, nach der die Arbeit von Altenpflegern mehr dem Job eines Servicetechnikers gleicht, „der eine kaputte Kühltruhe in möglichst kurzer Zeit instand setzen muss“, Satt- und Sauberpflege im Minutentakt statt einer Betreuung, die auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Patienten eingeht.

Lixenfelds Gegenrezept: Jeder Pflegebedürftige müsste von seiner Pflegeklasse ein fixes Budget erhalten, mit dem er seine Pflegeleistungen einkaufen kann, und das nicht nur bei zertifizierten Pflegediensten mit ihren starken Lobbyverbänden, sondern auch bei ungleich preiswerteren selbstständigen Pflegekräften aus dem Ausland. Sie kommen derzeit vor allem aus Osteuropa und bewegen sich, auch dank der erfolgreichen Lobbyarbeit der Pflegeverbände, immer noch in einer rechtlichen Grauzone.

Wie diese Lobby ihre Besitzstände im Milliardenmarkt Pflege verteidigt und zu welch dramatischen Konsequenzen dies in der deutschen Pflegewirklichkeit führt, ist auch das Thema eines weiteren neuen, lesenswerten Buches. An zahllosen Beispielen illustrieren der prominente Pflegekritiker Claus Fussek und der TV-Journalist Gottlob Schober (Focus), wie ein großer Teil der 2,3 Millionen Pflegebedürftigen um die ihnen eigentlich zustehende Gegenleistung für das Geld der Pflegekasse betrogen werden – alles im Dienst des Profits von Heimbetreibern und ambulanten Pflegediensten.

Positive Gegenbeispiele finden sich in beiden Büchern. So zeigt Lixenfeld am Beispiel Bielefelds, wie durch das Zusammenwirken verschiedener Institutionen die Betreuung von Pflegebedürftigen zu Hause bis fast zum Ende möglich werden kann, also vielleicht tatsächlich niemand ins Heim müsste.

Dass Lixenfelds Argumentation dabei deutlich stringenter rüberkommt, hat vor allem damit zu tun, dass er sich in seiner Schilderung von Einzelschicksalen auf wenige Beispiele beschränkt, die seine Thesen stützen, und es vermeidet, zu sehr auf die Tränendrüse zu drücken. Dagegen erschöpft sich das rund 100 Seiten dickere Buch von Fussek und Schober über weite Teile in der Schilderung skandalöser Zustände. Es löst damit in erster Linie Betroffenheit aus.

Der Leser nimmt aus der Lektüre beider Bücher vor allem die Botschaft mit, dass es sich lohnt, sich früh um den eigenen Lebensabend zu kümmern. Wer dabei glaubt, der rechtzeitige Einkauf in ein „betreutes Wohnen“ sei die beste Vorsorge für den eigenen Pflegefall, wird eines Besseren belehrt. Nirgendwo wird mehr abgezockt für wenig Leistung als bei dieser Geschäftsidee deutscher Pflegekonzerne.

CHRISTOPH LIXENFELD: Niemand muss ins Heim Econ, Berlin 2008, 288 Seiten, 16,90 Euro

CLAUS FUSSEK, GOTTLOB SCHOBER: Im Netz der Pflegemafia C. Bertelsmann, München 2008, 400 Seiten, 14,95 Euro

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