Buchkritik: „Fünf nach Zero“
„Irgendetwas ist anders in New York“

USA-Korrespondent Marc Pitzke hat sich in New York auf die Suche nach den Schnittstellen zwischen dem Terroranschlag vom 11. September und der Gegenwart gemacht. Was er findet, ist eine Stadt zwischen Verdrängung und Erinnerung, zwischen „dauerhaftem Belagerungszustand und Freiheitsdrang“, zwischen Betroffenheit und business as usual.

DÜSSELDORF. "Irgendwann haben die New Yorker kollektiv beschlossen, so zu tun, als sei eigentlich gar nichts Außergewöhnliches passiert" - in einer Umfrage ein halbes Jahr nach den Anschlägen auf das World Trade Center gaben rund zwei Drittel von 2 800 Befragten an, die Geschehnisse verarbeitet zu haben und wieder "normal funktionstüchtig" zu sein. Wirklich? Psychologen streiten bis heute darüber.

Tatsache ist: Vergessen können und werden die New Yorker die Zeitenwende, den 11. September 2001, nicht. Und so hat sich Marc Pitzke, USA-Korrespondent für "Spiegel-Online", auf die Suche nach den Schnittstellen zwischen dem Terroranschlag und der Gegenwart gemacht.

Er berichtet von Menschen, die mittelbar und unmittelbar mit der Tragödie zu tun hatten. Besucht Orte, die das Vergangene ins Gedächtnis rufen. In bester Reportagemanier beschreibt Pitzke die großen Zusammenhänge anhand der Schicksale verschiedener Menschen. Das beginnt im Realtime Crime Center, von wo aus die Polizei die Stadt digital im Auge behält, geht über die in New York lebenden Sikhs, die sich nach 9/11 neuer Fremdenfeindlichkeit ausgesetzt sehen, macht vor den Profiteuren des Immobilienbooms nicht Halt und endet auf der Baustelle zum Freedom Tower, der auf dem Gelände von Ground-Zero entsteht. Dort geht Brian Lyons seinem Job nach, am Grab seines Bruders. Tag für Tag. Ob ihn das nicht stört? "Überhaupt nicht. Es fühlt sich gut an. Mein Bruder würde es so wollen."

Pitzke zeigt dem Leser eine Stadt zwischen Verdrängung und Erinnerung, zwischen "dauerhaftem Belagerungszustand und Freiheitsdrang", zwischen Betroffenheit und business as usual. Dabei fällt vor allem eines ins Auge: Die New Yorker gaben der Resignation keine Chance. "Life goes on" eben. "Doch wer hier in der Stadt ein bisschen an der Fassade kratzt, der merkt: Irgendetwas ist anders."

Pitzke hat dieses "andere" aufgespürt. Dabei ist eine facettenreiche Sammlung einfühlsam geschriebener Reportagen entstanden, die sich zu lesen lohnt.

MARC PITZKE:
Fünf nach Zero
Herder, Freiburg 2006
224 Seiten, 8 Euro

Thomas Ludwig
Thomas Ludwig
Handelsblatt / EU-Korrespondent
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