Buchmesse in Frankfurt
100 Jahre Kommunismus – der rote Messerundgang

Heute vor 100 Jahren übernahmen die Kommunisten in Moskau die Macht. Wie würde Lenin heute auf die Welt schauen? Wir machen mit ihm einen Rundgang über die Frankfurter Buchmesse.
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FrankfurtWo kann man am besten herausfinden, wie die Welt tickt? Zweifellos auf der Frankfurter Buchmesse. Die großen Denker verewigen ihre Ideen in Büchern – und hier stehen sie alle. Stellen wir uns mal für fünf Minuten vor, dass Lenin die Frankfurter Buchmesse besucht und all die Ideen aufsaugt, die den aktuellen Zeitgeist wiederspiegeln. Also der Lenin, der die Bolschewiken anführte, als sie am 25. Oktober 1917 in Moskau im Rahmen der „Oktoberrevolution“ gewaltsam die Macht übernahmen und den Kommunismus etablierten. Welche Wahrheiten würde er hier finden?

Aus naheliegendem Interesse greift er als erstes zu „Die Farbe Rot“ von Gerd Koenen. In dem monumentalen Buch schreibt der Historiker über „Ursprünge und Geschichte des Kommunismus“. Für den sei die „Spannung zwischen dem Höchsten und dem Niedrigsten, zwischen Humanismus und Terror“ bezeichnend. Koenen zerlegt Klischees und verkompliziert Vorgänge – eben weil sie nicht monokausal sind. Als Bettlektüre mag „Die Farbe Rot“ nur bedingt taugen, aber nicht nur Lenin lernt eine Menge. Schade findet er nur, dass die Zeit nach seinem Tod auf lediglich 200 Seiten abgefeiert wird – dabei ist hier doch so viel Spannendes geschehen.

Falls Lenin bei der Lektüre von "Die Romanows" ein schlechtes Gewissen bekommt, lässt er sich nicht anmerken. Die famose Fleißarbeit von Simon Sebag Montefiore beleuchtet die Geschichte der Zarenfamilie bis zum blutigen Ende - sprich der Ermordung des Zaren nebst Familie 1917. Der Historiker führt seine illustre Reihe von Bestsellern fort mit dieser lebendigen Geschichte von Mächtigen, die mit ihrer Macht nur selten glücklich wurden. Wem 1000 Seiten zu viel sind, kann auch zu György Dalos` Buch "Der letzte Zar" greifen.

Als nächstes kommen die großen Marx-Biografien dran. Schließlich jährt sich nicht nur die Machtergreifung des Bolschewiken am 25. Oktober zum 100. Mal, sondern auch das Erscheinen von „Das Kapital“, aus dem die Kommunisten ihre Weltanschauung gewannen, feiert 150. Jubiläum. Karl Marx selbst wäre in diesem Jahr 200 Jahre alt geworden.

Jürgen Neffe bezeichnet Marx in seiner gleichnamigen Biografie als „Der Unvollendete“. Wie andere Top-Autoren sendet auch dieser Historiker von der Buchmesse eine klare Botschaft: So tot wie bisweilen behauptet ist der Kommunismus und vor allem die Ideen von Karl Marx noch lange nicht. Das freut Lenin. Und ähnliches erfährt er auch in der famosen Marx-Biografie von Gareth Stedman Jones. Mit einem Schmunzeln im Gesicht betrachtet Lenin anschließend die neueste Biographie über ihn selbst. Geschrieben hat „Lenin – ein Leben“ Victor Sebestyen. Trotz der guten Rezensionen legt sie Lenin zunächst zur Seite.

An einer Biografie über ihn können Autoren nur scheitern, denkt sich der frühere Revolutionsführer selbstironisch. Um direkt danach feststellen, dass Scheitern im Jahr 2017 gar nichts Schlechtes mehr ist: Auch wenn es in „Die Schönheit des Scheiterns“ von Charles Pépin eher um Unternehmer, Sportler und Politiker geht als um den Kommunismus, ist der Zeitgeist offenbar bereit anzuerkennen, dass Verlierer die Gewinner von morgen sein können.

Bei seinem Rundgang bemerkt der Bolschewik durchaus all die Bücher rund um das Thema Digitalisierung. Scheint ein neuer Trend zu sein, ein ganz heißes Ding, vergleichbar mit der Erfindung der Elektrizität. Maschinen können inzwischen denken und in Zukunft immer besser. Und immer mehr Tätigkeiten ausführen, die bisher nur Menschen möglich waren. Überzeugend zusammengefasst haben das Thema Digitalisierung Jürgen und Heribert Meffert in „Nullen und Einsen“.

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