Buchmesse in Frankfurt
100 Jahre Kommunismus – der rote Messerundgang

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Von Middelhoff und warum nicht alle wählen dürfen sollten

Anscheinend leiden die Menschen – auch wenn sie kürzer arbeiten denn je – spürbar unter der neuen Technik. So braucht es Ratgeber wie „Digitale Erschöpfung“ von Markus Albers oder „Mail halten“ von Anitra Eggers. Cathy O’Neil beschreibt in „Angriff der Algorithmen“, wie uns Codes manipulieren.

Lenin gibt zwar zu, dass es den Menschen im Jahr 2017 besser geht als vor 100 Jahren. Aber er zweifelt, ob sie wirklich so frei sind wie sie sein könnten. Womöglich dramatisieren einige Buchautoren aber auch, damit ihre Werke besser verkauft werden. Wer mit all der Technik und dem Stress so gut klarkommt, dass er ewig leben möchte, sollte zu „Unsterblich sein“ von Mark O’Connell greifen. Der hat Kryonik-Forscher in aller Welt besucht und eine gewisse Distanz bewahrt, was sein Buch lesenswert macht..

Was für einige nach unfassbar großen Chancen klingt, macht einen der Stars der Buchmesse große Sorgen: Yuval Noah Harari hat mit „Homo Deus“ nicht zuletzt den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis gewonnen und fürchtet eine „Entseelung der Menschheit“ durch die neue Technik.

Der Geschichtsprofessor aus Jerusalem sieht den homo sapiens abdanken und argumentiert so klar, dass ihm auch die Mächtigsten der Welt dankend beglückwünschen. Auch wenn Hunger und Epidemien zukünftig im Griff sind: Auf der Suche nach Glücksgefühlen und Unsterblichkeit laufen wir Gefahr, uns an den Computer zu verlieren.

Zu diesem sich wandelnden Menschenbild passt auch das Buch „Gegen Demokratie“ von Jason Brennan. Wo Lenin sagt: Lasst sie alle wählen – ich sage ihnen vorher nur was, hält es Brennan mit der These: Nicht jeder sollte wählen dürfen. Das Buch des renommierten Politologen ist streitbar, aber eine Reihe von Argumenten kann man nicht so einfach wegargumentieren.

Tatsächlich bekommt Lenin das Gefühl, dass über Demokratie und Kapitalismus kritischer denn je diskutiert wird. Rekord-Verschuldung, mangelndes Vertrauen in Institutionen, die Zerstörung der Umwelt: Der Kapitalismus steckt in der Krise. Nicht frei von Schadenfreude liest der Bolschewik zum Beispiel bei Uwe Jean Heuser („Kapitalismus inklusive“), was alles schief läuft. Genauso bei Philipp Bloms „Was auf dem Spiel steht“. Und in „Football Leaks“ erkennt Lenin, dass nicht mal der Fußball sauber ist.

Die handelnden Personen scheinen keinen Heldenstatus zu genießen: Thomas Middelhoff zum Beispiel, der im Knast landete und in seiner Autobiografie „A 115 – Der Sturz“ die deutsche Justiz massiv angreift. Gleichzeitig hat der Handelsblatt-Journalist Massimo Bognanni eine lesenswerte Biografie über Middelhoff veröffentlicht, die der objektiven Wahrheit wohl noch näher kommt.

Der Zeitgeist erregt sich über die wachsende Ungleichheit zwischen Managern wie Middelhoff und dem arbeitenden Volk. Da kommt das Buch von Per Molander gerade recht: Der Mathematiker berät zahlreiche Mächtige und weiß, dass Ungleichheit im Wesen des Menschen steckt, wir aber auch Mittel und Wege kennen, um sie möglichst zu minimieren. Lenin erkennt: Nicht Gleichheit ist der Normalzustand, sondern Ungleichheit. Und es bedarf auch 2017 noch gewaltiger Anstrengung, um sie zu beseitigen.

Ungerecht ist zudem immer noch, dass Frauen schlechter gestellt sind als Männer. Warum das so ist und wie es besser gehen könnte – das erfahren Leser zum Beispiel bei Iris Bohnet in ihrem Buch „What Works“. Kurz gesagt beweist die Verhaltensökonomin, dass Gleichstellung oft an unbewussten Vorurteilen scheitert.

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Von Trump und unserer Konsumsucht

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