Buchtipp: „Arabisches Beben“ Was den „kleinen Weltkrieg“ in Syrien so kompliziert macht

„FAZ“-Auslandskorrespondent Rainer Hermann erklärt, warum es in und um Syrien brodelt und knallt – und vorerst auch so bleiben wird.
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Über all dem schwebt der Grundkonflikt zwischen Sunniten und Schiiten. Quelle: dpa
Zerstörte Häuser in Duma

Über all dem schwebt der Grundkonflikt zwischen Sunniten und Schiiten.

(Foto: dpa)

DüsseldorfSyrien ist mittlerweile so zerstört wie Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Eine halbe Million Menschen wurde getötet, die Hälfte der Bevölkerung aus ihren Häusern vertrieben, Ruinen und Schutt prägen das Straßenbild. Was als Aufstand gegen das Regime um Machthaber Baschar al-Assad begann, ist zu einem Jeder-gegen-jeden-Krieg geworden, bei dem keiner mehr der Gute ist. Ein Ende ist nicht in Sicht, der Konflikt wirkt unlösbar – wird zu einer immer größeren Gefahr für die gesamte Welt.

Am vergangenen Wochenende feuerten die USA, Frankreich und Großbritannien mehr als 100 Raketen in Richtung Syrien ab. Das Ziel: die Chemiewaffenanlagen des Assad-Regimes. Eine Reaktion auf den mutmaßlichen Giftgasanschlag gegenüber der eigenen Bevölkerung.  Mit der Wucht der Raketen geht auch die Gefahr eines Konflikts zwischen den angreifenden Nato-Staaten und dem Syrienunterstützer Russland einher. Ein Konflikt, der das Ende der Welt, wie wir sie kennen, bedeuten könnte.

Nicht umsonst bezeichnet der Journalist und Nahostexperte Rainer Hermann den Syrienkonflikt als kleinen Weltkrieg. In seinem Buch „Arabisches Beben – Die wahren Gründe der Krise im Nahen Osten“ liefert der Islamwissenschaftler und Volkswirt eine aktuelle Pflichtlektüre rund um den Syrienkonflikt – und die anderen undurchsichtigen Fehden in der arabischen Welt.

Von Syrien und dem Irak, von Ägypten und Libyen, von Saudi-Arabien und dem Iran aus steuert er auf das große Ganze zu. Hermann analysiert dabei Land für Land, zieht daraus Verbindungen, stellt heraus, warum die Region nicht zur Ruhe kommt, weswegen sie – wie er es nennt – bebt, und die Erschütterungen die globale Welt erzittern lassen.

Bei der Lektüre gewinnt der Leser den Eindruck: Es sind die Fäden der Geschichte, die auf der arabischen Halbinsel zusammenlaufen – von verschiedenen Händen unentwirrbar festgezurrt. Hermann schafft es, diese Wirrungen für den Leser zu entknoten.

Versagende Staaten

Willkürlich gezogene Grenzen umrahmen Staaten, in denen Menschen ohne nationale Identität miteinander leben. Da sind verschiedene Religionen, Konfessionen und Ethnien, die Angst vor dem jeweils anderen haben – und kein Rechtsstaat, auf den sie sich verlassen können. Da sind die Eliten, die nicht ans Allgemeinwohl denken, sondern nur an den Wohlstand jener Minderheit, der sie selbst angehören.

Rainer Hermann – Arabisches Beben
Klett-Cotta
Stuttgart 2018
378 Seiten
16,95 Euro
ISBN: 978-3608962116

Die arabische Welt, die Hermann beschreibt, ist geprägt von versagenden staatlichen Strukturen, Korruption und autoritärem Machterhalt. Eine Mittelschicht fehlt, die Wirtschaft schwächelt vielerorts.

Das, so Hermann, begünstige den Zerfall des bürgerlichen Islams, verschaffe islamistischen Gruppierungen Zulauf und Gehör. Über all dem schwebt zudem der Grundkonflikt der Religion zwischen Sunniten und Schiiten um die Frage des richtigen Islams. Da ist der Hegemonialkampf zwischen den sunnitisch geprägten Saudis und den vorwiegend schiitischen Iranern, in den sich immer wieder internationale Machtinteressen und Stellvertreterkriege mischen. Es ist wie ein Netz, aus dem es für die arabische Welt und die Menschen, die in der Region leben, kein Entkommen gibt.

Einmischung des Westens

Europa hat sich seit jeher in Belange Arabiens eingemischt – und damit zum Beben beigetragen. Ein Beispiel, das Hermann nennt, ist der Sturz des iranischen Premiers Mohammad Mossadegh im Jahr 1953, der eine fatale Kettenreaktion in Gang setzte: „Ohne den Sturz des liberalen Politikers hätte es mit großer Wahrscheinlichkeit die Revolution von 1979 nicht gegeben, ebenso wenig wie die Islamische Republik oder den Export eines antiwestlichen islamistischen Extremismus, der 1982 im Libanon zur Gründung der Hizbullah führte“ – also jener schiitischen Partei und Miliz, die sich im Libanon seit Jahren wie ein Staat im Staate verhält.

„Es hätte auch nicht den blutigen Krieg gegeben, den Saddam Hussein 1980 gegen die Islamische Republik vom Zaun gebrochen hat“, schreibt Hermann weiter. Und dementsprechend nicht den Einmarsch des Iraks in Kuwait, keine UN-Sanktionen, die die Bevölkerung verarmen ließen, und schließlich keinen Irakkrieg, der den Diktator Saddam Hussein zum Sturz und schließlich an den Galgen brachte. Hermann, der ansonsten vor allem nüchtern und sachlich die Faktenlage zusammenträgt, nennt den Irakkrieg 2003 „nicht die erste amerikanische Fehleinschätzung“ – und bezieht klar Stellung.

Neben diesen politischen Kaskadenbewegungen der vergangenen Jahre bahnt sich zusätzlich eine demografische Katastrophe an: Die Bevölkerung wächst – in der gesamten arabischen Region jedes Jahr um acht Millionen Menschen. Die Landwirtschaft kann all diese Menschen nicht ernähren, der schlechte Arbeitsmarkt ihnen kein Auskommen ermöglichen. „Der große Krieg im Nahen Osten ist noch lange nicht zu Ende“, schreibt Hermann.

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